Prestomusic Musiktipp: Chris Potter – Alive With Ghosts Today / Edition Records
Von Maddy Allison. Der Saxophonist Chris Potter, seit seiner Ankunft in den 1990er Jahren ein fester Bestandteil der New Yorker Jazzszene, hat sich zu einem der einflussreichsten und angesehensten Künstler der Gegenwart entwickelt. Nach einer Reihe hochkarätiger Veröffentlichungen als Begleitmusiker, darunter „Spirit Fall“ mit John Pattitucci, „Tippin’“ mit Carl Allen und Al Fosters posthumes „Live At Smoke“, kehrt Potter nun für sein neuestes Album „Alive With Ghosts Today“ in die Rolle des Bandleaders zurück.
Die Inspiration für das Album ist zugleich historisch, politisch und in der Reflexion der Gegenwart verwurzelt. Im Mittelpunkt der Platte steht die Erzählung über die umstrittene historische Figur, den Abolitionisten John Brown. Als weißer Amerikaner, der sich vehement gegen die Sklaverei aussprach, war Browns berühmteste Tat sein geplanter Angriff auf Harpers Ferry – mit der Absicht, versklavte Menschen mit Waffen auszustatten, damit sie sich selbst befreien konnten –, doch der Angriff selbst scheiterte kläglich, da viele unvorbereitet waren und sich weigerten, daran teilzunehmen, und führte zudem zum Tod unschuldiger Zivilisten. Die Rebellion wurde von der örtlichen Miliz eingekesselt, und Brown wurde vor Gericht gestellt, des Hochverrats für schuldig befunden und gehängt.
„Alive With Ghosts Today“ ist ein so interessantes Album. Weit entfernt von den Klängen des „traditionellen Jazz“ ist die einzigartige Klangwelt, die Potter geschaffen hat, wahrhaft fesselnd, und die Kompositionen bieten eine riesige Bandbreite an Klangfarben, die geschickt auf die unkonventionelle Besetzung abgestimmt sind. Durch diese Suite greift Potter die Geister der Vergangenheit auf und erweckt sie durch die Musik wahrhaftig zum Leben, wobei er vielleicht hervorhebt, wie die Resonanzen der Vergangenheit in den Parallelen der Gegenwart weiter nachhallen können.
Chris Potter – Alive With Ghosts Today
© Prestomusic, Recording of the Week, 8.5.2026