Release Tipp: Circum Disc – Ein Label für das unerhörte mit 4 neuen Releases
Seid vielen Jahren begleitet mich dieses Innovative Jazzlabel mit ihren Musikveröffentlichungen und ich vermute mal, das dieses Label die wenigsten kennen. Umso mehr ist jetzt die Gelegenheit sie zu entdecken. Diese 4 neuen Releases sind dafür bestens geeignet in die Welt der Musik von Circum Disc einzutauchen.
Der Schlagzeuger und Komponist Peter Orins ist die treibende Kraft hinter dem kleinen, aber in der heutigen experimentellen Musikszene bedeutenden Label Circum-Disc.
Ihre Veröffentlichungen gehören zweifellos zu den wichtigen, die ich das ganze Jahr über höre, und sie verschieben die Grenzen der Improvisationsmusik immer ein Stück weiter. In einer der wenigen Rezensionen zu Circum-Disc habe ich folgenden treffenden Satz gelesen: Es ist, kurz gesagt, gute, risikoreiche Musik.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Es folgen die Liner Notes und die Musik, welche immer hervorragend aufgenommen wird. Die Bandbreite ist groß. Vom lyrisch, versponnen bis hin zu minimalistischen Experimenten, einem intensiven und spannenden Dialog oder schlicht: The Power of Freejazz. All das eignet sich besonders gut für Entdeckungen – vor allem für Hörer mit offenen Ohren!
Drohnen, Brummen und zufällig aufgeschnappte Geräusche, Blasen und seltsame Vibrationen, Luftströmungen, Dröhnen und Ticken, Reibung und das Stampfen eines trommelnden Fisches, das Heulen des Mixers eines Derwischs, das manische Kreisen eines erträumten Tons durch klangliche Drehbankarbeiter…
Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit am rein auf Aufnahmen basierenden Projekt „Binaural Camping“ – in dessen Rahmen sie durch gegenseitige performative Interaktion verschiedene akustisch interessante industrielle oder sakrale Räume erkundeten und interpretierten – beschlossen Petr Vrba und Zdeněk Závodný, auf „Binaural Camping“ mit einem Konzertprojekt aufzubauen. Einer der Anstöße für diesen Schritt war unter anderem das Zusammentreffen zweier Instrumente schottischer Herkunft im Repertoire beider Musiker: elektronische Instruo-Module und schottische Dudelsäcke. Nach und nach kamen weitere Lieblingsinstrumente beider Musiker hinzu: die Trompete bei Petr und Zdeněks Kontrabass-Altklarinette.
Ausgangspunkt des Projekts „Totoabas“ ist die Live-Modulation akustischer Blasinstrumente durch elektronische Instruo-Module (vor allem den Granularprozessor „Arbhar“ und den abstimmbaren Stereo-Looper „Lúbadh“). Diese Module sind in der Lage, mit dem Tonsignal so zu interagieren, dass sie auf die Ebene eines ausgeklügelten Musikinstruments mit einem unglaublich breiten Anwendungsspektrum gehoben werden, dessen Grenzen nur durch die Fähigkeiten des Interpreten und durch die Variationen in der gegenseitigen Vernetzung der einzelnen Module definiert sind.
Das Projekt legt den Schwerpunkt auf strukturiertes und teilweise komponiertes Spiel mit Drone-Schichten und repetitiven rhythmischen Mustern, die beide Musiker so gestalten, dass eine pulsierende musikalische Substanz entsteht. Innerhalb dieses Materials entfaltet sich ein improvisierter Dialog zwischen den beiden Musikern.
Die Debütveröffentlichung „Winter Spawning“ ist eine Gemeinschaftsproduktion des tschechischen Labels 13 Raw und des französischen Labels Circum-disc. Der Titel, das Vinyl-Cover und einige Teile der Musik sind von einer Legende über die Bewohner des nördlichen Teils des Golfs von Florida inspiriert, die lange Zeit von seltsamen Geräuschen geplagt wurden, deren Ursprung sie nicht bestimmen konnten. Mit der Zeit bekamen sie das Gefühl, dass etwas mit ihren Häusern geschah, denn an manchen Stellen war der Lärm so stark, dass er die Wände durchdrang und die Fensterscheiben zum Vibrieren brachte. Keiner der Einheimischen hatte eine Erklärung dafür. Selbst die Behörden waren nicht in der Lage, die Ursache aufzudecken. Nach einiger Zeit organisierten die Bewohner der Küstenhäuser, die am stärksten von den Geräuschen betroffen waren, eine Spendenaktion, um ernsthafte wissenschaftliche Forschungen zu finanzieren, die das Rätsel lösen könnten.
Zur Überraschung aller stellte sich heraus, dass es sich um „Liebeslaute“ handelte, die der Meeresfisch Totoaba macdonaldi während seines winterlichen Laichens erzeugte. Dieser Fisch, allgemein als „American Drum“ bekannt, erzeugt diese Laute mithilfe seiner spezialisierten Schwimmblase. Dieses Organ ist zu seinem Fluch geworden, der ihn an den Rand des Aussterbens getrieben hat und ihm zudem den Spitznamen „Meereskokain“ eingebracht hat. Die Schwimmblase des Totoaba ist auf dem chinesischen Schwarzmarkt ein seltenes Gut, da ihr außergewöhnliche aphrodisierende und verjüngende Wirkungen zugeschrieben werden. Für eine Kilogramm schwere Schwimmblase zahlt der Endabnehmer in China etwa denselben Betrag wie für eine entsprechende Menge Kokain.
Ein Pianist, zwei Klaviere – 13 Titel
Mit „Ça commence par la marche“ (Es beginnt mit dem Gang) präsentiert Jérémie Ternoy ein Werk, das den Zuhörer in seinen Bann zieht und in dem Wiederholung zur Bewegung und Bewegung zur Klangarchitektur wird. Aufbauend auf einer Karriere, die von bedeutenden Kooperationen – insbesondere mit MAGMA – sowie seinen eigenen Projekten (Organik Orkeztra, sein Trio und TOC) geprägt ist, liefert er hier eine vollendete Synthese seiner künstlerischen Erkundungen.
Das Album macht das Gehen zu seinem Grundprinzip: sich langsam vorwärtsbewegen, die Welt in ihren feinsten Details wahrnehmen, den Blick ins Hören verwandeln.
Um die beiden Klaviere herum entstehen zwei Schlagzeuge, zwei Bässe, drei Stimmen und drei Bläser als Erweiterungen der Tastatur, die das Ausgangsmotiv aufgreifen und entfalten, bis es eine weitreichende Klangarchitektur bildet.
Beeinflusst von repetitiver Musik und zyklischen Rhythmen, erzeugt das Stück einen leuchtenden und organischen Trancezustand. Ähnlich wie in den Perspektiven von M. C. Escher bewegt sich das Ohr zwischen mikroskopischen Details und der Gesamtvision.
Ein immersives Hörerlebnis
Dionée verbindet die Lyrik der Kammermusik, die rauen Klänge von Punk und Metal, die Klarheit des Post-Rock und die Abstraktion der elektroakustischen Musik und bietet so eine einzigartige, filmische musikalische Reise.
Mit seiner ungewöhnlichen und äußerst vielfältigen Besetzung präsentiert das Trio auf „Mille-feuilles“ ein bemerkenswertes Werk von fast orchestralem Ausmaß, in dem Oboe, Akkordeon und E-Bass mit einer breiten Palette elektronischer Instrumente und Effekte interagieren.
Mit „Dans-sons“ präsentieren Audrey Lauro, Christian Pruvost und Peter Orins ein Album, das von subtilen Verschiebungen, zurückhaltenden Spannungen und langsamen Transformationen der Klangmaterie geprägt ist. Eine Musik, die ebenso sehr vom Zuhören wie von der Geste lebt, in der jeder Eingriff eher einen neuen Raum zu eröffnen scheint, als den bisherigen einzunehmen. Vereint durch ihre gemeinsame Praxis der freien Improvisation entwickeln die drei Musiker eine kollektive Sprache, die zugleich dicht und ständig in Bewegung ist. Das Trio strebt niemals nach spektakulären Effekten oder technischer
Zurschaustellung; stattdessen bewegt es sich in Bereichen der Reibung, der Zirkulation und der Instabilität. Klänge entstehen, vermischen sich und gehen ineinander über, bis der Ursprung der Klangquellen manchmal verschwimmt.
Audrey Lauros Saxophon erkundet den Atem ebenso wie die Tonhöhe, raue Texturen ebenso wie flüchtige Linien. An der Trompete spielt Christian Pruvost mit Druckvariationen, Obertönen und akustischen Zufällen, wobei er stets den kollektiven Raum im Blick behält. Peter Orins nähert sich dem Schlagzeug als einem Feld aus Resonanzen und Reliefs und bringt diffuse Pulsationen, körnige Texturen und zuweilen auch direktere Dynamik zum Vorschein.
Was bei „Dans-sons as we are“ besonders auffällt, ist die Fähigkeit des Trios, eine kontinuierliche Spannung aufrechtzuerhalten, ohne den Diskurs jemals zum Erliegen zu bringen. Die Musik wirkt stets so, als würde sie genau in dem Moment entstehen, in dem wir sie hören. Ein zerbrechlicher Atemzug kann zu einer klanglichen Masse werden; eine fast unmerkliche rhythmische Figur verschiebt nach und nach das gesamte Gleichgewicht der Gruppe; eine Stille eröffnet plötzlich eine neue Perspektive. Das Album reiht sich in eine bestimmte europäische Tradition improvisierter Musik ein, die auf Klangfarbe, akustische Phänomene und kollektive Gestaltung achtet, dabei jedoch ohne theoretische Haltung oder Strenge auskommt. Im Gegenteil, etwas zutiefst Körperliches durchzieht diese Musik: eine Aufmerksamkeit für den Körper, für den Atem, für die Energie der Gesten und für die unmittelbare Präsenz des Klangs.
„Dans-sons as we are“ entfaltet sich wie eine Reise, mit ihren dichten Abschnitten, ihren Atempausen und ihren Wendepunkten.
Eine lebendige Musik, in der sich der Zuhörer frei bewegen kann, um Details, Spannungen oder einfach der Gesamtbewegung der Klänge zu folgen.
Hier bekräftigt das Trio eine starke Identität, die auf gegenseitigem Zuhören und der ständigen Transformation des klanglichen Materials gründet. Eine offene, lebendige Musik, die ihre Kraft aus der Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment und aus der Fähigkeit der drei Musiker schöpft, gemeinsam einen gemeinsamen Raum zu schaffen, der stets im Werden begriffen ist.
© Alle Texte: Circum Disc