Release Tipp: Felix Kubin – Der Tanz aller / Futura Resistenza
Wenn du in die Klangwelt von Felix Kubin eintauchen willst, dann beginne mit „Raumstunde Vera Skoronel“. Das ist der perfekte Einstieg in die Klangwelt von Felix Kubin und dem „Der Tanz aller“. Die revolutionären kinetischen Theorien von Rudolf von Laban und sein Bewegungschor bilden den Ausgangspunkt für den Soundtrack der Performance-Gruppe LIGNA von Felix Kubin.
Die Musik ist abstrakt, futuristisch, eigenwillig, seltsam und fremd. Gerne würde ich diese Choreografien dazu sehen. In seiner Eigenständigkeit und Unvorhersehbarkeit ist Felix Kubins Musik ein faszinierendes Erlebnis. Und dann habe ich permanente Erinnerungen an die frühe Musik der Residents. Gerade bei dem Titel „Der Tanz aller“.

„Der Tanz Aller“ von Felix Kubin ist ein energiegeladener, rhythmisch aufgeladener Soundtrack, der für die gleichnamige Performance des experimentellen Kunstkollektivs LIGNA geschaffen wurde. Die Gruppe hat sich auf ortsspezifische, partizipatorische Arbeiten spezialisiert. Der Tanz Aller basiert auf Rudolf von Labans radikalem Konzept der „Bewegungschöre“ aus den 1920er Jahren, kollektiven Tänzen im öffentlichen Raum, die darauf abzielten, die soziale Ordnung durch gemeinsame Bewegung neu zu gestalten. Durch die Kombination von minimaler Elektronik, akustischer Perkussion und Blechbläsern spiegeln Kubins Kompositionen sowohl den experimentellen Geist Labans als auch die politische Aufladung der Massenchoreografie wider und laden den Hörer ein, selbst zum Tänzer zu werden. © Texte: Liner Notes
Als mich die Performance-Gruppe LIGNA 2012 bat, Musik für ein Theaterstück zu komponieren, das auf Rudolf von Labans revolutionären kinetischen Theorien und den sogenannten „Bewegungschören“ basiert, dachte ich an einen Soundtrack, der sowohl rhythmisch mitreißend als auch abstrakt und mechanisch sein sollte. Ich wusste, dass es vorab aufgenommene Stimmen geben würde, die über seine Philosophie sprechen und das Publikum über Kopfhörer leiten würden. Also musste ich in den Arrangements etwas „Luft“ lassen, damit sich die Besucher auf die gesprochenen Worte konzentrieren und gleichzeitig zu Tänzern werden konnten. In den konzeptuellen Arbeiten von LIGNA werden die Zuschauer – genau wie in Labans Idee der Bewegungschöre – zu Darstellern. LIGNA sagt über ihre Arbeit:
Tanz aller – das bedeutet der Tanz aller Menschen, aber auch aller sozialen Verhältnisse. Tanz aller – ist keine Neuinszenierung der „Laienchöre”, sondern aktualisiert die ästhetischen Fragen, die die „Bewegungschöre” aufwerfen können: Welche Rolle kann die Masse, welche Rolle kann der Tanz heute spielen? Wie sieht eine Organisation der Massen* jenseits der Repräsentation aus? Wie gelangen wir vom Tanz zum Tanz aller Beziehungen?
Das erste Mal hörte ich 2008 von Rudolf von Laban* und seinen Schülern, als ich für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) ein Hörspiel über Gebrauchsanweisungen mit dem Titel Wiederhole 1-8 komponierte. Dieses Stück war wie ein komplexes Musikstück komponiert, das aus vielen übereinander geschichteten Modulen bestand. Die treibende Kraft dahinter war ein elektronischer Sequenzer, der die Schritt-für-Schritt-Natur der Gebrauchsanweisungen verkörperte. In einem Teil des Hörspiels interviewte ich Christiane Meyer-Rogge-Turner, die Tochter von Rudolf von Labans berühmter Schülerin Lola Rogge (die 1927 in Hamburg ihre gleichnamige Tanzschule gründete). Christiane erklärte Labans Idee der „Bewegungskugel“, einer Sphäre, die jeden Menschen umgibt. Alle Bewegungen innerhalb dieser Sphäre – sogar die Ergonomie am Arbeitsplatz – lassen sich in „kinetografischen“ Symbolen beschreiben, die auf einem Notationssystem (Labanotation) basieren, das unabhängig von der Schwerkraft funktioniert.

Wie in meinem Hörspiel wollte ich mit elektronischen Sequenzen arbeiten – diesmal jedoch in Kombination mit akustischen Percussion- und Blechblasinstrumenten, um lebendigere Texturen und die Möglichkeit der Polyphonie zu schaffen. Inspiriert vom Orff-Schulwerk, einer Sammlung von Percussion-Stücken für Kinder, die in den 1950er Jahren von den deutschen Komponisten Carl Orff und Gunild Keetman geschrieben wurde, entwickelte ich eine Reihe verschiedener musikalischer Themen, die die gesprochenen Texte und Bewegungsanweisungen begleiten sollten. Die ursprünglich viel längeren Stücke auf dieser Platte umfassen sozialistische Märsche (Flammende Zeit, Rotes Lied), Demonstrationen (Masse Mensch), experimentelle Übungen zur Raumerkundung (Raumstunde Vera Skoronel) und Konfrontationen zwischen Proletariern und Kapitalisten im Maschinenzeitalter (Kreuzzug der Maschine, Dämonen der Zerstreuung, Der Tanz Aller). Sie alle beziehen sich ebenso sehr auf die visionären, aber mehrdeutigen Ideen, Technologien und Musik der 1920er Jahre wie auf die abstrakten Zeichnungen und die kinetische Sprache von Rudolf von Laban und seinen Schülern, von denen viele im Booklet dieser LP zu finden sind. © Texte: Felix Kubin.
* Die Grenzen zwischen Massenbewegungen und Faschismus waren in den 1930er Jahren fließend, und das sind sie auch heute noch. Während Labans Schüler Martin Gleisner Massentänze für die Sozialdemokratische Partei choreografierte und nach 1933 ins Exil fliehen musste, blieb Laban (wie viele seiner Schüler) im nationalsozialistischen Deutschland und versuchte, Bewegungsköre in das politische System zu integrieren. Nachdem dies gescheitert war, ging auch Laban ins Exil. LIGNA und Felix Kubin versuchen, die vergessene Tradition der choreografierten Massen vor 1933 vor dem Vergessen zu bewahren. © Texte: Liner Notes