Release Tipps

Release Tipp: GEORGE – Looking for Consonance / Out Of Your Head Records

Sie galoppieren wieder. Ja, die neue von George ist gemeint. Das Projekt mit Anna Webber, Sarah Rossy, Chiquita Magic und John Hollenbeck hat 2023 mit seinem Debüt International aufhorchen lassen. Ich habe es zum Vergleich wieder gehört und finde es immer noch sehr gut. „Looking for Consonance” führt den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. John Hollenbeck durchzieht das Album durchgehend mit seiner vielschichtigen, rhythmischen Komplexität und einer Souveränität, die mich sprachlos macht. Respekt.

Für neue Hörer ist das schon eine Herausforderung für sich, vielleicht kommen auch neue hinzu. Die Musik ist bei aller Komplexität gut hörbar. Nur, im Vergleich zu ihrem Debütalbum fehlen mir Ecken und Kanten sowie eine gewisse Rauheit. Auch wurde nicht in jedem Titel gesungen, was mir bei „Looking for Consonance” mit der Zeit angenehm auffällt. Anna Webber könnte für meinen Geschmack etwas bissiger sein und weniger Flöte spielen.
Ich schreibe das so deutlich, weil mir ihr Debüt „Letters for George” so gut gefällt, ich es sehr oft gehört habe und meine Erwartungen somit sehr hoch waren. Trotz meiner Einwände ist die neue George mitreißend, komplex und ihre flüssige Beherrschung ungerader Taktarten ist fantastisch anzuhören. Getragen von tollen Solist:innen ist sie eine klare Empfehlung von mir.

GEORGE entsteht, wenn Groove auf Neugier trifft – wenn analoge Wärme und digitale Schärfe
zu etwas Unerwartetem und zugleich zutiefst Menschlichem verschmelzen. Das Quartett, das
der Komponist und Schlagzeuger John Hollenbeck in der Stille der Pandemie gründete,
entwickelte sich schnell zu einem vollwertigen Ensemble. Mit Anna Webber (Tenorsaxophon,
Flöte), Sarah Rossy (Gesang, Synthesizer), Chiquita Magic (Synthesizer, Gesang) und John
Hollenbeck (Schlagzeug, Komposition) schafft GEORGE Musik, die in den Randbereichen lebt
– zwischen Vintage-Funk und futuristischer Electronica, Jazz und Art-Pop, Struktur und
Improvisation. Wie DownBeat feststellte: „Die Magie entsteht in den Randbereichen und in der
Mitte. Wie Pitchfork bemerkte, ist die Energie der Band, wenn sie richtig in Schwung kommt,
„so ansteckend wie ein perfekter Popsong“.

Foto: TJ Huff

Ihr Debütalbum Letters to George (Out Of Your Head Records, 2023) wurde von AllMusic als
„bemerkenswertes Debüt“ gelobt, das „fesselnde, provokative Kompositionen“ enthält. 2026
veröffentlicht GEORGE Looking for Consonance, ebenfalls bei Out Of Your Head Records,
aufgenommen in den Hansa Studios in Berlin. Das Album erweitert die Klangwelt der Band
und vertieft gleichzeitig ihre emotionale und politische Klarheit. Von groovigen Stücken wie
„Bounce“ über das von der Diaspora inspirierte „Nassam Alayna-LHawa“ bis hin zu „Norma (in
support of reproductive autonomy)” bewegt sich die Musik fließend zwischen Feierlichkeit und
Besinnung, Spannung und Entspannung. © Alle Texte: Liner Notes.

Der Titel „Looking for Consonance“ kam mir eines Tages in den Sinn, als ich darüber nach-
dachte, wie ich diese Musiksammlung nennen könnte. Dieser Titel fühlte sich sofort wichtig
an, also ließ ich ihn auf mich wirken. Ich dachte, ich wüsste, was Konsonanz in der Musik
bedeutet, aber ich wusste auch, dass sie andere Bedeutungen hat – solche, die weit über den Klang hinausgehen. Websters Wörterbuch definiert Konsonanz als „die Harmonie oder
Übereinstimmung von gleichzeitig erzeugten Klängen, die zu einem angenehmen und stabilen Hörerlebnis führen.“
Das Wort, das mir dort am meisten auffällt, ist „stabil“. Ich glaube, wir alle suchen nach etwas, das Stabilität vermittelt. Einigkeit und Harmonie wären wunderbar – aber eine solche Harmonie würde erfordern, dass die Menschen einen Teil ihrer eigenen Gewissheit, ihrer eigenen Meinungen aufgeben. Und mir ist bewusst, dass selbst Gesten, die das Leben würdigen sollen, Widerstand oder Anstoß erregen können, wie es bei der Namensgebung dieser Band der Fall war, unserem Tribut an George Floyd.
Mir ist auch vollkommen bewusst, dass Konsonanz und Dissonanz subjektiv sind. Ich liebe
sowohl dichte, asymmetrische Rhythmen und atonale Harmonien genauso sehr wie einen ein- fachen Dur- oder Moll-Dreiklang oder den minimalistischsten Groove. Jeder hat sein eigenes Maß für Konsonanz und Dissonanz und seine eigene Toleranzschwelle. In der Musik wird Konsonanz oft im Gegensatz zu Dissonanz definiert. Dissonanz erzeugt Spannung und Instabilität, und sie ist gerade deshalb von Bedeutung, weil sie sich in etwas Fundierteres und Ruhigeres auflösen kann. In diesem Sinne ist Dissonanz nicht der Feind der Konsonanz – sie ist eine Voraussetzung. Um Konsonanz zu finden, muss man durch die Spannung hindurchgehen. Man muss durch den Feuersumpf gehen (ja, ich habe mir kürzlich „The Princess Bride“ noch einmal angesehen), um an einen sicheren Ort zu gelangen.
Aber vielleicht hätte ich mit dem Wort „Looking“ beginnen sollen, denn ganz gleich, was
„Consonance“ für jemanden bedeutet: Bei diesem Album geht es um das Schauen –
um Sehnsucht – um Hoffnung. Vor einigen Jahren wurde mir klar, dass der Großteil meiner
Musik entweder ein Experiment oder eine Sehnsucht ist, und dieses Album ist beides. Ich bin
Anna, Sarah und Chiquita zutiefst dankbar, die mich auf dieser Reise mit Begeisterung
begleitet haben.

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