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Release Tipp: Herzog – Muche – Nillesen anasýnthesi / Thanatosis

Mir ist sofort klar: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Ich denke das immer wieder, wenn ich die Musik von dem Trio Constantin Herzog, Matthias Muche und Etienne Nillesen höre. Ruhe und Musik schließen sich aus. Aber ich weiß, dass es passt. Diese Musik zeichnet sich durch eine besondere Form des Zusammenspiels von Obertönen, Resonanzen und mikrotonalen Reibungen aus.

In diesem Kontext geht es um Schichten und Texturen, wobei es sich um einen kontinuierlichen Prozess handelt, der jedoch nicht besonders spektakulär ist. Aber ist das wirklich notwendig? Etienne Nillesen verfügt über die bemerkenswerte Fähigkeit, Spannung aufzubauen und zu erhalten. Das ist es, was diese Musik zusammenhält. Das ist sicherlich keine Musik, die sich sofort in ihrer Schönheit offenbart. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird vielleicht etwas Neues und Unbekanntes entdecken.

Herzog | Muche | Nillesen ist ein Trio bestehend aus Matthias Muche (Posaune), Etienne Nillesen (erweiterte Snare Drum) und Constantin Herzog (Kontrabass). Ihre Musik bewegt sich im Grenzbereich zwischen Improvisation und Komposition, wo sich wechselnde Texturen und mikrotonale Strukturen in Zeitlupen-Transformationen entfalten. Mit minimalistischen, spektralen und erweiterten Instrumentaltechniken geht es in ihrem Sound weniger um individuelle Gesten als vielmehr um emergente Klangphänomene, bei denen das Zusammenspiel von Obertönen, Resonanzen und mikrotonalen Reibungen eine immersive, sich ständig weiterentwickelnde Umgebung schafft.

Ihr neues Album ANASÝNTHESI verkörpert diesen Ansatz sowohl konzeptionell als auch klanglich. Der Begriff „anasýnthesi“ (ἀνασύνθεση) ist griechisch für ‚Neukomposition‘ oder „Rekonstruktion“ – ein Prozess, bei dem Elemente dekonstruiert und zu neuen, unerwarteten Formen zusammengesetzt werden. Dieser Gedanke steht im Mittelpunkt der künstlerischen Praxis des Trios: Anstatt vordefinierten Bahnen zu folgen, lassen sie sich auf eine offene Auseinandersetzung mit Klangmaterial ein, bei der Struktur nicht als Leitprinzip, sondern als Ergebnis der Interaktion entsteht.

Jeder Musiker bringt eine einzigartige Palette an erweiterten Techniken und unkonventionellen Ansätzen mit ein:

  • Muche lotet das mikrotonale und multiphonische Potenzial der Posaune aus und wechselt dabei nahtlos zwischen reinen Tönen und komplexen Geräuschtexturen.
  • Herzog unterläuft die traditionelle Rolle des Kontrabasses mit alternativen Bogentechniken, verstimmten Obertönen und spektralbasierten Tonhöhenstrukturen.
  • Nillesen erweitert die Snare Drum über ihre perkussive Funktion hinaus und nutzt Resonanzkontrolle und von der Just-Intonation inspirierte Stimmungen, um ihre melodischen und harmonischen Möglichkeiten zu erschließen.
Constantin Herzog + Matthias Muche + Etienne Nillesen

Aus dieser Perspektive ist ANASÝNTHESI kein Stück im traditionellen Sinne, sondern eher eine Studie in emergenter Form – ein akustisches Ökosystem, in dem hierarchische Unterscheidungen zwischen Melodie, Rhythmus und Textur verschwinden und eine Musik zurückbleibt, die atmet, sich verändert und sich in Echtzeit neu organisiert.

Im Laufe der Jahre hat das Trio mit Künstlern und Komponisten wie Nate Wooley, Sofia Jernberg, Madison Greenstone, Marta Warelis, Anna Webber, Christian Wolff und vielen anderen zusammengearbeitet. Während externe Kooperationen ihre Spuren hinterlassen haben, liegt ihr Fokus in letzter Zeit auf der Verfeinerung der Feinheiten ihres Trio-Sounds, bei dem die individuelle Sprache jedes Spielers erhalten bleibt, sich die Musik jedoch als kollektives, sich ständig wandelndes Gebilde entfaltet.

ANASÝNTHESI ist ebenso sehr ein Prozess wie ein Album – eine Erkundung instabiler Strukturen, reibungsvoller Kontrapunkte und der organischen Auflösung von Form in Klang. Es ist eine Musik des Flusses, bei der es beim Zuhören ebenso sehr um die Transformation des Materials geht wie um das Material selbst.

Ihre Musik ist ebenso sehr eine Erkundung von Textur und Tonalität wie eine Erfahrung – immersiv, unvorhersehbar und ständig in Bewegung. © Texte: Liner Notes

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