Release Tipp: Joe Sachse & Nils Wogram Duo – Freies Geröll / nWog Records

Ihr entspanntes Zusammenspiel wirkt wie aus der Zeit gefallen. Keine körperlosen Kopfgeburten, wie man es oft hören kann. Hier wird zusammen musiziert und das im allerbesten Sinne. Das hat einen Groove, einen Drive, das macht einfach Spaß und mehr muss nicht sein!



Wie kommt es, dass das alles selbstverständlich, so freundlich, freudig und mitreißend wirkt… Wohl so nur, weil sich hier zwei Wahlverwandte getroffen haben. Zwei Musiker, aufgewachsen in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Umgebungen, zwei grundverschiedene Charaktere, und doch zwei, die sich intuitiv verstehen, die sich gegenseitig bewundern und die mit einer Lockerheit zusammen spielen, als wären das die natürlichste Sache der Welt. Helmut „Joe“ Sachse, fast ein Vierteljahrhundert älter als Nils Wogram, ist in der DDR groß geworden und musste sich seinen Weg zum Jazz gegen alle Widerstände selbst bahnen – von der Tanz- und der Rockmusik zum freien Spiel und weiter zu einer unverwechselbaren Sprache auf dem Instrument. Nils Wogram ist in eine etablierte Jazzszene hineingewachsen und hat sich sowohl als Instrumentalist als auch mit einer ganzen Reihe langfristig miteinander arbeitender Bands eigenständig profiliert. Joe fasziniert an Nils die Versalität: „Er kann alles spielen.“ Und Nils schwärmt von Joe Sachses autarker Musikalität: „ein ganz seltenes, kostbares Gut“.

Begegnet sind sich die beiden erstmals vor vielen Jahren beim Jazzfestival im italienischen Clusone. Nils Wogram spielte dort im Duo mit dem Pianisten Simon Nabatov, während Joe im Duo mit seinem Gitarrenkollegen Uwe Kropinski auftrat. Damals war die Sympathie auf beiden Seiten schon da, doch damit sich der Funke entzünden konnte, bedurfte es eines Anlasses. Dieser ergab sich, als Thomas Brückner, Veranstalter der Reihe Campus Jazz im Leipziger Mediencampus Villa Ida, Joe Sachse 2012 eine Carte Blanche für ein Konzert gab und dieser sich eine Begegnung mit Nils Wogram wünschte. Das Duo der beiden, zunächst überwiegend frei, startete fulminant, wurde mitgeschnitten und auch auf einer CD „Free and Tremendous“ (Jazzwerkstatt) veröffentlicht. Seither haben Nils und Joe immer wieder zusammengefunden und Konzerte gegeben.


Joe Sache und Nils Wogram / Foto von Ulla C.Binde

Schließlich entstand der Wunsch, gemeinsam ins Studio zu gehen und auch Stücke aufzunehmen, was dann im November 2021 in Bremen gelang. Drei Tage insgesamt hatten die beiden Zeit, um in entspannter Atmosphäre an der Musik und am Sound zu feilen und an zwei Tagen aufzunehmen. Das legendäre Studio Nord in Bremen, wo die Musiker auch wohnen konnten, bot dafür den passenden Rahmen. Beide hatten überwiegend für diesen Anlass und schon mit der Besonderheit des Duos im Hinterkopf geschriebene Stücke mitgebracht. Realisiert freilich hat sich eine Musik, die vom Papier abhebt und in enger Verflechtung von Komponiertem und spontanem Spiel ihren eigenen Weg findet. Präzision und Freiheit in furiosem Miteinander. So etwas gelingt nur, weil beide so viel in ihr Spiel investiert haben, dass sie die raffiniertesten Dinge mühelos bewältigen können. Beide – Nils Wogram und Helmut „Joe“ Sachse – sagen übereinstimmend, dass sie sich im Fluss dieses Duospiels wohl fühlen. Das merkt man an der Wärme des Klanges, an der Leichtigkeit, mit der sie zueinander finden, in den Entsprechungen – sei es in rasanten Unisoni, im Mit- und gegeneinander melodischer Linien, im souveränen Gang durch die Akkorde und im Parcours über vertrackte Rhythmen. Letztlich wirkt alles ganz einfach, unangestrengt, intellektuelle Erwägungen hinter sich lassend, im besten Sinne spielfreudig, einander und den Zuhörenden zugeneigt.

Die Musiksprachen finden zueinander und die Instrumente zu einem gemeinsamen Klang. Sicher kein Zufall, dass Joe Sachse schon immer und gern mit Posaunisten gespielt hat, etwa im Quartett „Doppelmoppel“ oder auch im Duo mit Conny Bauer, Johannes Bauer oder Albert Mangelsdorff. Und auch Nils, von dem man ja durchaus sagen kann, er habe bei aller Selbstbestimmtheit auch etwas von einem Mangelsdorff-Gen, spielt in einem Duo mit Conny Bauer. Es gibt also zahlreiche Querverbindungen. Nicht, was den Stil, wohl aber was den musikalischen Kompass anbelangt, so folgt Joe Sachse seinem geistigen Mentor John McLaughlin, der einmal sagte, eine musikalische Fusion kann nur dann überzeugen, wenn sie verinnerlicht wird. Auf diese Weise gelang es Joe Sachse, Jazz und Rock, Coltrane und Hendrix, Spanisches und Amerikanisches, Akustisches und Elektrisches, an Harmonien orientiertes und freies Spiel zu integrieren. Nichts davon lässt sich heute isolieren. Zudem ist Joe Sachse so etwas wie eine Ein-Mann-Band mit einer eigenen Rhythm Section. Als ebenso komplex wie das Spiel auf den Saiten erweist sich die Verknüpfung mit dem perkussiven Einsatz der Füße – mit dem rechten auf dem Gitarrenkoffer wie auf einer Bassdrum und mit dem Linken wie auf einer Hi-Hat agierend, beides per Mikrophon abgenommen, ebenso pragmatisch wie eigenständig der Hightech per Erfindungsgeist voraus. Nils Wogram: „Ein Unikat.“ © Text: Promotion



Joes Affinität zu Posaunisten kommt nicht von ungefähr. Zahllose Duos hat er mit u.a. Conny und Johannes Bauer gespielt, dazu noch mit beiden im Quartett „Doppelmoppel“. Gerade in seiner DDR Zeit war er ein verlässlicher Duo-Partner für viele Instrumentalisten aus dem westlichen Ausland. Das erste Jazzkonzert, das mit meinem FK Jazz beim Kulturbund der DDR stattfand, war mit Joe Sachse und David Moss. So was vergisst man nicht. Man kann ihn durchaus als bodenständig beschreiben und das ist auch für Nils Wogram zutreffend. Und so spielt der große Altersunterschied keine Rolle. Für Zwei, die sich gegenseitig schätzen und intuitiv verstehen, sind das die besten Voraussetzungen für ein gemeinsames musizieren. Für mich assoziiere ich das Spiel von Nils Wogram immer mit Albert Mangelsdorff und das meine ich absolut positiv und es ist einer der interessantesten Musiker seiner Generation, was er mit zahlreichen Projekten mehrfach unter Beweis gestellt hat.

„Spiele im Duo und ich sage dir, wer du bist.“ So heißt es unter Musikern. Das faszinierende an ihren Interaktionen ist der Fluss ihrer Ideen, im Unisono Spiel und finden von Melodien. Das alles wirkt so selbstverständlich, so leicht und ist gleichzeitig eine hervorragende Einladung zum Zuhören. Und wenn man dann, mit Joe im Takt, mit den Füßen stampft oder mit den Händen klopft, dann ist es passiert….;) Viel Spaß!

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