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Release Tipp: Paal Nilssen-Loves Large Unit – „Steam Waterfall“ / PNL Records

Paal Nilssen-Loves Large Unit steht für mich für Power-Jazz, doch bei diesem Stück „Steam Waterfall” ist es anders. Paal Nilssen-Love stellt sich darin Fragen über das Wesen eines Konzerts. Was ist ein Konzert? Wann beginnt es? Wann endet es? Was ist mit den Musikern und dem Publikum? All das will er hörbar machen.

So klingt dieses Stück wie eine Versuchsanordnung. Das Stück beginnt mit dem Einschalten der Aufnahme. Wir hören das Publikum, während es auf den Beginn des Konzerts wartet und sich unterhält. Auch die Musiker beginnen sehr verhalten und fast zögerlich zu spielen. Im Laufe des Stücks wechseln sich Passagen von Power Jazz (da lassen Sie es wirklich krachen) mit langen, nachdenklichen Improvisationen ab. So haben die Musiker Raum, sich zu entfalten. All das ist gut ausbalanciert, abwechslungsreich und hallt lange in mir nach. Für mich ist es ein gelungenes Experiment.

Es handelt sich um eine Live-Aufnahme vom Oslo Jazz Festival 2022 mit wichtigen Mitgliedern der Large Unit und einer Reihe jüngerer Musiker, die Paal in den zwei Jahren vor dem Konzert im Rahmen von Workshops und Lehrtätigkeiten kennengelernt hatte. Die Anzahl der Musiker beträgt 25, die bisher größte Besetzung der Unit, doch während der Aufführung waren auch vier Tänzer Teil der Performance – ein norwegischer zeitgenössischer Tänzer und drei traditionelle kolumbianische Tänzer.

Das Stück dauert 75 Minuten und ist eine ziemliche Reise – vom Beginn, wenn wir das Publikum den Saal betreten hören, bis zum Ende (Spoiler-Alarm), wenn 100 Tischtennisbälle von allen Musikern auf der Bühne herumgeworfen werden, auf dem Boden und den Instrumenten hüpfen und sogar das eine oder andere Glas umwerfen. Dazwischen liegt eine ganze Welt verschiedener Ereignisse – denn Paal hat das Stück als Gegenüberstellung verschiedener Techniken konzipiert, indem er notierte Passagen mit konzeptuellen Abschnitten, grafischen Partituren sowie Soli und segmentierten Gruppenimprovisationen kombiniert. Es ist ein ambitioniertes Stück, doch beim Anhören der Aufnahme wirkt es nie gezwungen oder übermäßig konzeptuell – es dreht sich immer noch alles um die Musik und das kollektive Erlebnis des Zuhörens und Spielens.

Die CD enthält ausführliche Liner Notes von Paal, in denen er die Gedanken und Inspirationen detailliert beschreibt, die das Projekt geprägt haben. Diese Passage bringt es auf den Punkt: „Steam Waterfall“ ist das Ergebnis meines Versuchs, zu hinterfragen, was ein Konzert ist, wann es beginnt und wann es endet. Die Komposition ist auch ein Versuch, zu hinterfragen, was ein Musikstück ist. Bestimme ich den Verlauf der Musik, und/oder wie sehr kann ich mich darauf verlassen, dass die Musiker die Musik vorantreiben? Was ist ein Konzert? Wann beginnt ein Konzert? Ist es, wenn man den Konzertsaal betritt, oder wenn die Band die Bühne betritt? Wenn die Musiker zum ersten Mal Töne auf ihren Instrumenten erzeugen? Oder hat es bereits begonnen, wenn man gerade über das Konzert gelesen und beschlossen hat, hinzugehen? Wann endet es? Wenn der letzte Ton verklungen ist? Wenn das Publikum zu applaudieren beginnt? Wenn es den Saal verlässt? Oder hallt es für immer nach? © Text: Liner Notes.

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