Release Tipp: Re-Ghoster Extended – Dreaming With The Lights On / Konnekt
Absolut verrückt und unerhört! Stellt Euch vor: Es ist eine irrsinnige Autofahrt. Ein Auto rast dahin, der Fahrer ist fast blind und die anderen Insassen machen seltsame Dinge und erzeugen laute Geräusche, die vielleicht etwas bedeuten, aber wer weiß das schon.
Wir hingegen sitzen in einer Ecke und umklammern den Griff der Autotür, um sie jederzeit öffnen zu können. Doch so einfach ist das nicht. Es ist wie ein Film von David Lynch, nur dass sich der ganze Wahnsinn in einem Auto abspielt. Wir sind gebannt von dem Geschehen und sehen die entsetzten Gesichter in den vorbeifahrenden Autos. Es ist der Sog der Ereignisse, der uns gefangen hält. Es dauert 40 Minuten, bis wir uns aus dieser Situation befreien können. Alles klar? Also: Sehr laut anhören und sich irgendwo festhalten. Das ist vollkommen verrückt und richtig gut!

Du näherst dich der Region, in der die Schwerkraft manipuliert zu sein scheint; „Dreaming With The Lights On“ bedeutet, in eine Zone zu gleiten, in der Körper und Objekte scheinbar in den Schnittraum eines Traums gerutscht sind und sich nach noch unbekannten Prioritäten neu zusammengesetzt haben. Die Musik beginnt lange bevor der Klang einsetzt – inmitten einer schwebenden Helligkeit, eines Himmels, der vor der Möglichkeit der Verwandlung summt. Der Geist des Zuhörers wird zu einer Oberfläche, auf der sich unmögliche Gesten einprägen: Gliedmaßen, die mit anderen verschmelzen, Formen, die zu hybriden Konturen zusammenfallen, und vertikale Strukturen, die wie Instrumente aus einer Dimension hängen, die sich weigert, sich vollständig zu schließen.
Live aufgeführt beim Archipel Festival, wirkt „Dreaming With The Lights On“ wie das klangliche Äquivalent eines schwebenden, verzerrten Tableaus. Das Ensemble spielt nicht bloß die Partitur; es schmiegt sich um sie herum und sickert in ihre Ränder hinein. Nicolas Fields Komposition bietet Koordinaten, aber keine Anweisungen – ein energetisches Gitterwerk, das seltsame Verflechtungen, akustische Veredelungen und plötzliche Dichteverschiebungen fördert. Das Ergebnis ist eine Art Audio-Organismus, der in Echtzeit mutiert und sich neu formt, so wie Figuren und Objekte in einem Traumzustand verschmelzen und sich verzerren, der wissen sollte, dass er wach ist.
In diesem gesteigerten Zustand verhält sich der Klang, als habe er eine eigene Muskulatur. Gesten dehnen sich, falten sich und verwickeln sich; Impulse steigen empor wie schwebende Kabel; Resonanzen sammeln sich und verschmelzen mit unheimlicher Elastizität. Texturen haften an und lösen sich dann ab, hinterlassen Rückstände – Stimmfetzen, Atemwellen, mechanische Schimmer. Vielleicht spürst du, wie sich diese Klangformen an dich schmiegen: intim, instabil, seltsam zärtlich und ein wenig beunruhigend. Vertraute Signale tauchen kurz auf, bevor sie sich in etwas Spekulativeres auflösen: eine Subrealität, die am Rande der Wahrnehmung flackert, eine alternative Version des „Jetzt“, die die Gegenwart streift.
Was dabei entsteht, ist keine Erzählung, sondern ein Zustand – ein luzider Traum, der bei voller Beleuchtung stattfindet, in dem alles sichtbar ist, doch nichts sich so verhält, wie man es erwarten würde.
Dreaming With the Lights On bewegt sich mit unerschütterlicher Zuversicht auf seine eigene Logik zu. Es ergibt Sinn, so wie Träume das tun: durch Atmosphäre, Verwandlung und eine eigentümliche Helligkeit, die sich sowohl einladend als auch leicht gefährlich anfühlt.
Das ist immer noch The Style.
Es ist immer noch so, wie es sein muss! © Texte: Liner Notes