„Schwingungen ins Nirgendwo“ Die Komponistin Éliane Radigue bei Maerzmusik
Die französische Komponistin Éliane Radigue ist im Januar 90 geworden. Das Festival Maerzmusik widmet ihr in diesem Jahr einen Schwerpunkt. Von Thomas Wochnik.
Manche suchen ihr Glück in der größtmöglichen Weite. Man denke an die Postmoderne: Stilpluralismus, Collage, maximale Vielfalt – alles immer überall zugleich verfügbar. Und auch in der Gegenwart gilt: Wer beweisen will, dass man sich bei einem Thema auskennt, zählt einfach ein paar Beispiele auf. Éliane Radigue hat das nie interessiert. Statt sich als breit ausgebildete Komponistin zu beweisen, suchte sie ihr musikalisches Glück schon immer in der Tiefe. Der Tiefe eigentlich nur eines einzigen Aspekts der Musik: der Schwebung.
Beweise sind schließlich für Unwissende da – und Éliane Radigue wusste von Anfang an, was sie wollte. Mit ihrem Synthesizer machte sie sich in den sechziger Jahren unabhängig von männlichen Domänen, ließ auch ihre Lehrer Pierre Schaeffer und Pierre Henri hinter sich. Sie wurde Komponistin, Dirigentin und Interpretin in Personalunion. Beide nahmen ihr manches übel, was sie später musikalisch aus den Lehrstunden bei ihnen machte – sie findet bis heute nur Worte der Wertschätzung für ihre Mentoren.
© Der Tagesspiegel, Kultur, 23.3.2022