Soundexpedition 8/21 „Into The Woods“ Musik von David Toop, Akio Suzuki und Lawrence English.

Ich hatte hier schon Releases mit Fieldrecordings auch aus dem Amazonasgebiet vorgestellt. Aber so wie ihn Lawrence English „zum Klingen bringt“, hat es auf mich einen großen Eindruck gemacht. Ganz anders dagegen klingt der Urwald in Australien. Dort hatte er zusammen mit David Toop und Akio Suzuki sich zum „Musikmachen“ getroffen.


Lawrence English hat sich für beide Veröffentlichungen viele Gedanken gemacht. Sehr anschaulich schildert es das Entstehen der Musik und auch den Umgang mit dieser in der Folgezeit.
So habe ich mich entschieden, seine Texte hier komplett wiederzugeben. Jeder kann sich dann ein Bild machen oder schließlich einfach anhören.

David Toop, Akio Suzuki, Lawrence English: Breathing Spirit Forms / CD+Book Room40 RM4171

Im August 2013 besuchten David Toop und Akio Suzuki Australien. Während ihres Aufenthaltes auf dem Tamborine Mountain trafen die beiden mit Lawrence English zusammen. Dort sollten eine Reihe von der Umgebung geleiteten Improvisationen am Rande des Tamborine-Plateaus enstehen. Eingebettet in den Ort, fließen diese Aufnahmen aus dem Land, in dem sie entstanden sind, heraus und verschmelzen mit ihm. Akustische Emissionen, die auf die frenetischen Gesangsformen der Leiervögel, die murmelnden Wasserfälle und die leisen Geräusche der Nachtinsekten im Laub treffen.


Aus dem Booklet

Es fasziniert mich immer wieder, wie das Gedächtnis funktioniert, und ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie individuell subjektiv eine kollektive Erfahrung sein kann, wenn sie von den Beteiligten erinnert wird. In diesem Zusammenhang fällt mir Lynchs „Lost Highway“ ein, insbesondere Bill Pullmans Figur Fred Madison, der sagt: „Ich erinnere mich gerne an Dinge auf meine Weise. Wie ich mich an sie erinnere, nicht unbedingt so, wie sie passiert sind.“ Wie Madison kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Erinnerung durch einen akkumulativen Prozess Gestalt annimmt, der widerspiegelt, wie jeder von uns gelebt hat bis zu diesem Zeitpunkt gelebt hat (und vielleicht sogar leben wollte).

Ich habe mir die Aufnahmen, an denen ich mit David und Akio beteiligt war, noch einmal angehört, war ich überrascht, an welche Dinge ich mich erinnern konnte und die anderen, welche in das ewige Grau meines Gedächtnisses gerutscht sind. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich einem Leierkastenmann zuhörte, bevor ich die Stücke in Witches Falls aufnahm. Ich erinnere mich, dass sowohl Akio als auch David Musikalität in verrottenden Palmwedeln fanden. Ich erinnere mich an Akios Stimme wie sie von den Steinen und Bäumen abprallte. Ich erinnere mich an Davids Flöte, die in Dunkelheit des nächtlichen Waldes so leise war, dass sie wie ein leiser Windhauch oder der Ruf eines entfernten Tieres klang. Ich erinnere mich auch daran, wie ich versuchte, mit meiner bescheidenen Elektronik das Pulsieren und Stampfen der Insekten um mich herum, aufzunehmen.

Lawrence English

Aus dem Booklet

Bei der Lektüre von Davids Text, der in dem Buch enthalten ist und zusammen mit dieser Ausgabe veröffentlicht wird, erzählte er mir einige Dinge, die ich vergessen hatte. Gespräche über das Gedächtnis, die ironischerweise, aus meinem Gedächtnis verschwunden waren, bis ich seine Worte las. Ich erinnerte mich auch nicht an meine Rolle als Zeckenchirurg, der ein lebendes Insekt aus Davids Ohr entfernte. Ich erinnere mich aber an seine Kochkünste, ebenso wie an Akio (der in seinen Zeichnungen treffend dargestellt ist), zweifellos ein Beweis für Davids kulinarisches Improvisationstalent.

Breathing Spirit Forms steht für einen unverwechselbaren Austausch zwischen Freunden. Tamborine hat eine besondere Präsenz und ermutigt zu einer tiefen Geduld für denjenigen, die bereit sind, sich Zeit für seine vielfältigen Umgebungen zu nehmen. Wir drei hatten das Glück, diese Momente miteinander zu teilen, so flüchtig sie in unserem Leben auch sein mögen. Die besonderen Eigenschaften des Berges zu spüren, wo durch wir mit unserem Austausch darauf zu reagieren und Erinnerungen zu schaffen konnten. (so unterschiedlich sie auch sein mögen). Und sie so für die Zeit erhalten haben.

Lawrence English


LAWRENCE ENGLISH: A Mirror Holds The Sky / CD+Book Room40 RM4140

Hier wieder die Texte von Lawrence Englisch, die ich in Auszügen verwende:

In den späten Monaten des Jahres 2008 hatte ich das große Glück, einige Wochen im Amazonasgebiet zu verbringen. Dieser Besuch, der durch das Francisco Lopez‘ Mamori Artlab Residency ermöglicht wurde,
bleibt eine der tiefgreifendsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Jedes Mal, wenn ich einen schreienden Piha höre, den viele sofort erkennen werden, weil er in den Filmen von Werner Herzogs „Aguirre – Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ zu hören ist, werde ich an einen Ort zurückversetzt, der bis heute regelmäßig in meinen Tagträumen auftaucht.

Der Grund, warum dieser Ort einen solchen Eindruck hinterlassen hat, ist einfach: Der Amazonas stellt alles in den Schatten. Dies ist keine vulgäre Machtdemonstration in seinem Namen, sondern eine greifbare Erinnerung an unseren Platz auf diesem Planeten. Sobald man den Amazonas betritt, fordert er uns stark dazu auf, die Perspektive, die wir von uns selbst haben, von unserer Art zu sein, unser Verständnis, und er erinnert uns (nicht ganz so sanft) daran, dass wir nur eine sehr kleine Funktion in einer Gleichung sind, die sich in alle Richtungen über Zeit und Raum erstreckt.

Lawrence Englisch
Aus dem Booklet

Der Dschungel ist nie still. Selbst wenn man erwarten könnte, dass der Amazonas schweigt, in den Stunden vor der Morgendämmerung oder in der Mittagssonne, ist er kaum das, was man als ruhig bezeichnen könnte. Im Dschungel zu lauschen bedeutet, in zu hören – auf jedem Quadratmeter schreien Tausende von Insekten mit ihren Stimmen…

In den Momenten, in denen man ein Gefühl für Dimension und Tiefe bekommen kann, kommt die Dynamik der Umgebung zur Geltung. Die Fülle von Vögeln, Säugetieren, Käfern, Fliegen, Ameisen und so vielen Ameisen und viele andere Lebewesen sind eine Quelle ständiger und Faszination. Es ist demütigend zu erkennen, wie wenig wir von dem wissen, was direkt unter uns liegt.

Lawrence Englisch
Aus dem Booklet

A Mirror Holds The Sky ist in gewisser Weise ein Akt der akustischen und zeitlichen Kompression. Es ist eine Verkleinerung der erlebten Momente des intensiven Zuhörens geworden. Wenn ich ehrlich bin, habe ich fast ein Jahrzehnt gebraucht, um zu wissen, wie ich mich diesem Archiv von Materialien bewege.
Ich stehe in der Schuld von Chico Dub vom Festival Novas Frequências, der mich sehr behutsam ermutigt hat, ein Stück zu realisieren im Rahmen seines Programms für 2019. Diese Einladung hat meine Ohren neu gestimmt und mir einen Weg eröffnet, einen Weg, mich den über 50 Stunden an Aufnahmen zu nähern, die ich während meiner Zeit dort gesammelt hatte. Einen besonderen Dank schulde ich auch meiner Frau Rebecca, die mir beim Auswählen aus diesen Archiv an Klängen half. Ihre Ohren spiegelten völlig andere Interessen als meine eigenen, und ohne sie wäre dieses Werk wesentlich weniger als das, was es ist.

Lawrence Englisch


Wie unterschiedlich doch diese beiden Veröffentlichungen sind und wie eindrucksvoll und gewaltig der Amazonas klingt. Gerade unter Kopfhörern erschauderte ich unter der Kraft dieser Aufnahmen. Ich bin mir wohl bewusst, dass es nur eine Annäherung an den Amazonas ist, welcher langsam aber unaufhaltsam verschwindet. Umso schlimmer ist die Tatsache, dass wir es sind, die daran Schuld tragen. Umso entspannter sind die Improvisationen, die David Toop mit Akio Suzuki und Lawrence English im Urwald von Australien aufgenommen haben. David Toop ist es ja gewohnt sich auf verschiedenste Umgebungen einzulassen und so kann man sich ganz auf die Vielfalt der Klänge konzentrieren, die sie zusammen mit dem Urwald als Instrument entwickelt haben.

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