SZ: Grammys 2022 – Ein Frage des Stils
Darf improvisierte Musik für Klassikpreise nominiert werden? Bei den Grammys gibt es heftigen Protest. Von Andrian Kreye.
Man könnte den Ärger bei den Grammys als einen den vielen Shitstorms abtun, die Preisverleihungen seit einigen Jahren begleiten. Eine ganze Reihe Musiker, Produzenten und Kritiker sind in Rage, weil zwei Männer dieses Jahr in den Kategorien der klassischen Musik nominiert wurden, die da ihrer Meinung nach nicht hingehören. Der eine ist der Pianist und Sänger Jon Batiste, dessen Stück „Movement 11′“ als „Beste klassische Komposition“ nominiert ist.
Der andere ist der Geiger Curtis Stewart, dessen Album „Of Power“ als „Bestes klassisches Solo“ gewinnen könnte. Es gibt Posts, Mails, Briefe und Protest aus den Reihen der etablierten Klassik. Nun muss man einerseits sagen, dass Jon Batiste eigentlich Jazzmusiker war, sein Geld aber als Kapellmeister bei einer großen Talkshow verdient und mit dem Album „We Are“ zum Popstar aufgestiegen ist. Curtis Stewart leitet dagegen die Kammermusikabteilung an der Juilliard School of Music, improvisiert auf dem nominierten Album allerdings nicht nur über Bach und Paganini, sondern vor allem über Stevie Wonder, Charlie Parker und Charles Mingus. Dabei setzte er auch allerlei elektronische Geräte ein und rezitiert Lyrik dazu.
© Süddeutsche Zeitung, Kultur, Klassik, 22.2.2022