The Art Of Noise: Elektronik-Pionierin Anne Dudley wurde 70
Von Ralf Summer (Bayern 2). Sie zählt zu den führenden Elektronik-Tüftlerinnen der 80er und 90er und ist heute gefragte Soundtrack-Komponistin. Am 9. Mai 2026 wurde die Britin 70.
Pop-musikalisch war die Zeit ihres Trios The Art Of Noise die spannendste Phase. Zu deren größten Hit „Moments In Love“ – ein Mix aus Synthie-Pop, New Age und Neo-Klassik – schritten Madonna und Sean Penn zum Traualtar. The Art Of Noise war auch die Hausband von ZTT – dem Label von Trevor Horn (The Buggles). So wirkten sie auf den Songs von Frankie Goes To Hollywood mit. Die Hi-Tech-interessierte Gruppe arbeitete schon Mitte der 80er mit einer KI-Stimme. Ihre Prince-Coversion „Kiss“ mit Tom Jones wurde ein Top-Ten-Hit. Dudley war der musikalische Kopf von AON: sie spielte Keyboards / Piano und arrangierte Streicher. Und wurde auch gebucht von ABC, a-ha, Annie Lennox, Debbie Harry, Electronic, Malcolm McLaren, Marc Almond (Soft Cell) und Propaganda. Seit der Auflösung von The Art Of Noise schreibt sie TV-Melodien und Soundtracks. Und wurde für die Filmmusik zu „The Full Monty“ mit dem Oscar gekrönt. Anne Dudley ist zudem die erste weibliche Komponistin, die mit dem BBC Orchestra zusammenarbeitete. Auch weil man sie hierzulande nicht (mehr) so gut kennt: Zeit für ein Porträt dieses „hidden champions“. Verneigung von Ralf Summer.
© Bayern2, Nachtmix, 9.5.2026
Art of Noise war nach Frankie Goes to Hollywood meine erste richtig große Leidenschaft. Durch sie kam ich zum Jazz: Ihre erste EP haben sie dem Jazzschlagzeuger Buddy Rich gewidmet, und Anne Dudley hat in einem Interview mit einem deutschen Musikmagazin (Stereoplay oder Stereo) drei Jazzpianisten genannt, die mir damals völlig unbekannt waren – Art Tatum, Bill Evans und Chick Corea! Da konnte ich dann erstmal eine lange Zeit suchen, lesen und hören.
Die Jazzeinflüsse machten auch auf den Platten von Art of Noise nicht halt, da wurde viel improvisiert, da kamen auch Vibraphon und Kontrabass zum Einsatz, und immer wieder das tolle Pianospiel vom Anne Dudley. Nach ca. 6 Jahren war dann die Luft raus, dann wechselte sie ins Filmmusiklager. Vorher hatte sie mit Jaz Coleman (dem Fronman von Killing Joke) noch ein tolles Album in Ägypten aufgenommen, „Songs from the Victorious City“ (1990).
Von Anne Dudley hatte ich in meiner zweiten Future Queens-Zusammenstellung dann auch ein Stück dabei – und geposted hat das damals Kai auf seinem Blog (der nun hier seine Best-of-2025 im Juni kredenzt bekam…!). Da schließt sich ein Kreis.
Der Sound von Art of Noise und Frankie Goes to Hollywood war schon fett, sehr fett. Das hat damals niemanden kalt gelassen. Wie schön, das sich die Kreise schließen, einfach schön!
Art of Noise war ja eigentlich ein Zufallsprojekt von Studiomusikern, die damals für Trevor Horn die Fäden hinter Frankie Goes To Hollywood und anderem Pop vom Label Z.T.T. kreiert haben. Diese Studiomusiker haben durch das Geld von Trevor Horn dann den Australischen Fairlight Sampler in die Finger bekommen, und mit diesem einfach losexperimentiert. Das war eines der ersten Musikinstrumente, mit denen man mit Samples Musik machen konnte. Das klang dann ein wenig nach Hip Hop, und just in den USA kam dann die Debut-Single von Art of Noise auf Platz 1, und zwar in den Black Charts. Das klang einfach so, obwohl die Urheber weiße Studiofrickler in London waren. Ulkig. Und neben Trevor Horn war Musikjournalist Paul Morley vom NME für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, und hat eine Menge Blödsinn und auch Tolles auf die Cover plaziert – inklusive Sigmund Freud (als Statue in London), Frank Kafka (Amerikas letztes Kapitel), J. G. Ballard („Crash on“), Buster Keaton, Eugène Ionesco, Lewis Carroll etc. etc. – alles Neuland für mich und Welten entfernt von dem, was auf Z.T.T. veröffentlich wurde… aber Morley war ein Typ, der gern mit seinem Wissen geprahlt hat… und ich hab alles dankend aufgesaugt.
Hier die Future Queens Vol. 3 (ich habe Vol. 1 gemacht, Vol. 2 hat, glaube ich, Kai ausgewählt):
https://oranglucky.blogspot.com/2016/08/053.html
Die Titelliste von Future Queens Vol. 2 von Kai gibts hier noch nachzulesen (dank dem Internet Archive!):
https://web.archive.org/web/20070713113141/http://arboribus.wordpress.com/2007/05/31/future-queens-part-2-the-arboribus-selections/#more-20