„Über den Stühlen“ Die Alben von My Bloody Valentine werden neu aufgelegt
Ende Mai werden die Platten der Shoegaze-Pioniere My Bloody Valentine neu aufgelegt, die die Musik der Neunziger stark prägten. Die radikalen Ästheten und ihre Noise-Experimente scheinen nicht ganz in die heutige Zeit zu passen, in der sich im Pop vieles um den Inhalt und weniger um die Form dreht. Von Jan-Niklas Jäger
My Bloody Valentine könnten ein Lied davon singen, wie es ist, dem eigenen Mythos nicht entkommen zu können. Wenn es ihnen denn ein Anliegen wäre, einfach nur Lieder zu singen. Genau dem verweigerten sie sich, als sie »Loveless« aufnahmen, das 1991 erschienene Album, das den meisten Musikfans als Erstes in den Sinn kommen dürfte, wenn sie die Genrebezeichnung Shoegaze hören (in Wirklichkeit starrten Shoegaze-Bands natürlich nicht auf ihre Schuhe, sondern auf ihre Effektgeräte). Wer einfach nur auf der Suche nach ein paar schönen Liedern ist, den wird »Loveless« enttäuschen. Songs im wörtlichen Sinne – also die Kombination von Worten und Melodien – sind darauf kaum zu finden.
Die vierte Ära im Gesamtwerk von My Bloody Valentine scheint unmittelbar bevorzustehen. Einerseits passt die Rückkehr der Band, die sich der Unklarheit verschrieben hat, gut in eine Zeit, in der sicher Geglaubtes hinterfragt wird und immer unklarer erscheint, wie die Zukunft aussehen wird. Andererseits neigt der Popdiskurs im Jahr 2021 nach Jahren der Moralisierung dazu, inhaltliche über formelle Erwägungen zu stellen, was dem radikalen Ästhetizismus der Valentines diametral entgegensteht. Aber wenn ihr bisheriges Werk Rückschlüsse zulässt, werden sich Shields, Butcher, Ó Cíosóig und Googe ohnehin nicht mit der Frage beschäftigen, wie sie sich am besten zwischen diese Stühle zwängen können, sondern einfach über ihnen schweben.
© Jungle World, Dschungel, 20.5.2021