Musiktipps

UKJazznews Release Tipp: Brandon Seabrook – Hellbent Daydream / Pyroclastic Records

Von Kevin Whitlock. Ein Freund von mir bezeichnet den New Yorker Gitarristen und Banjospieler Brandon Seabrook als „den Einzelgänger unter den Einzelgängern“. Ich kann verstehen, warum. Seabrook tut regelmäßig das Unerwartete – und das auf unerwartete Weise. Aber er schafft auch überraschend zugängliche Musik und ist tief in der Jazzgeschichte und -tradition verwurzelt.

Für sein neues Album Hellbent Daydream wird Seabrooks aktuelles Trio aus dem Bassisten Henry Fraser und der Geigerin Erica Decker durch den gefeierten österreichischen Keyboarder Elias Stemeseder ergänzt, sodass aus einem Trio ohne Schlagzeuger ein Quartett ohne Schlagzeuger wird.

Der großartig betitelte Opener „Name Dropping is The Lowest Form of Conversation“ zeigt Seabrooks Absicht mit diesem speziellen Projekt. Er beginnt mit einem charmanten Glockenspiel, das an eine Spieluhr erinnert, gefolgt von einem schwindelerregenden, spacigen, walzerartigen Abschnitt und dann einem kantigen, von Violine und Banjo getragenen Thema. Nach drei Minuten setzt die E-Gitarre mit dissonantem Supernova-Fuzz ein, und das Stück klingt mit einem weiteren, anders getakteten kantigen Walzer aus. Es ist wie eine Miniatur-Sinfonie.
Das Banjo spielte in der Frühgeschichte des Jazz eine wichtige Rolle, wurde aber fast ein Jahrhundert lang an den Rand gedrängt. Indem er das Instrument sowohl aus seinem traditionellen Jazzkontext als auch aus seinen eher „hausbackenen“, volkstümlichen Konnotationen herauslöst, macht Seabrook das Banjo zu einem Werkzeug der Avantgarde. Nirgendwo wird dies deutlicher als bei „The Arkansas Tattler“, einer furchterregend beunruhigenden Neuinterpretation des Folk-Klassikers „The Arkansas Traveller“, in der die anfängliche Fröhlichkeit gegen scharfe Kantigkeit eingetauscht wird. Ähnlich verhält es sich mit der Violine: Auf „Existential Banger Infinite Calling“ löst sich Decker – gekonnt unterstützt von Stemeseders atmosphärischem Synthesizer – vom Einfluss von Venuti und Grappelli und schafft einen danse macabre.
Wild virtuos, ohne jemals protzig oder vulgär zu wirken, nutzen der Titeltrack und das langsam aufbauende „I’m A Nightmare And You Know It“ Raum und Zurückhaltung auf beeindruckende Weise, und das abschließende „Autopsied Cloudburst“, das sich von angespannten Fragmenten zu explosiven Ausbrüchen bewegt, bietet einen Ausweg und sorgt für einen befriedigenden Abschluss. © Texte: Kevin Whitlock

Selbst nach den Maßstäben von Seabrooks früheren Werken unvorhersehbar, ist Hellbent Daydream experimenteller Kammerjazz auf höchstem Niveau, voller völlig unerwarteter, himmlischer Wendungen. Und nein, man vermisst das Schlagzeug überhaupt nicht.

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