VAN: Konzertglück – Eine Liebeskummererklärung von Albrecht Selge
Kalenderspruch des Monats, nein, des ganzen verflixten Corona-Jahres 2020 bisher: Man weiß erst, was man hatte, wenn man es verloren hat. Das ist eine dieser elenden Weisheiten, die den stechenden Schmerz des Liebeskummers zwar nicht lindern, ja ihn vielleicht sogar noch schlimmer machen.
Für Musiker, die nicht mehr vor Publikum spielen dürfen, bedeutet der schlagartige Verlust des Partners Publikum oft blanke Existenznot: als handfestes materielles Problem, aber auch als bohrende Sinnfrage. Denn wozu ist man Musiker, wenn nicht, um zu musizieren – und zwar vor Zuhörern? Ebenso gilt aber: Wozu ist man Zuhörer und Konzertgänger, wenn man nicht mehr ins Konzert gehen und zuhören kann? Die aus der Not gewuppten Streaming-Konzerte sind zweifellos eine ehrenwerte Sache, und vielen Musikfreunden mögen sie über die schwierige Zeit helfen (auch wenn die gebeutelten Musiker damit meistens kein Geld verdienen). Aber mir als Hörer bringen sie, ehrlich gesagt, nichts. Denn mir fehlt da fast alles, was ein »echtes« Konzert ausmacht.
Für alle glücklichen Zuhörer aber gilt: Man weiß erst, was man hatte, wenn man es verloren hat. Die gute Nachricht immerhin lautet: Es wird alles zurückkommen. Dann wird aus der Liebeskummererklärung wieder eine Liebeserklärung werden. Vergessen wir dann nicht, was wir daran haben – an unserer Liebe zum Konzert, am Konzertglück!
Albrecht Selge
Eine Gemeinschaft allein mit der Musik. Neulich habe ich mich im Video-Chat mit einem leidenschaftlichen Konzertgänger unterhalten, einem wahrhaften Klassikfreak, ja Junkie, der normalerweise fast jeden Tag ins Konzert oder in die Oper geht. Und er sinnierte darüber, was ihm gerade am meisten fehle. Auf das Publikum um ihn herum könne er ja gern verzichten, begann er, aber es sei ihm unendlich wichtig, sich dem Erlebnis der Musik auszuliefern. Nicht flüchten zu können!, rief er. Er sitze dann da und könne nicht weg, und alles, was er machen könne, sei: die Musik zu hören. Und das fehle ihm am meisten – sich der Sache aussetzen zu müssen. Die Entscheidung zu treffen, sich zwei Stunden irgendwo reinzusetzen, wo nur das stattfinde. Kein Twittern nebenher, kein Facebook, kein Nix – nur Musik.
© VAN, Musik, 9.12.2020