Musiktipps

VAN Magazin: Steve Reich „Ich versuche, Auflösungen zu vermeiden.“

Der Komponist Steve Reich über sein neues Stück ›Traveler’s Prayer‹ und das Älterwerden. Von Jeffrey Arlo Brown.

Steve Reich ist der Bob Dylan der klassischen Musik. Alle lieben die revolutionären frühen Werke (Come Out, Piano Phase, Four Organs). Sein späteres Schaffen war, gerade auch in seiner Vielseitigkeit, eher Gegenstand von Kontroversen. Aber wie bei Dylan, dessen Album Rough and Rowdy Ways aus dem Jahr 2020 von vielen Seiten gefeiert wurde, ist auch Reichs jüngstes Werk selbst für Skeptiker:innen des Komponisten einen Blick wert. Traveler’s Prayer (2020) für vier Stimmen, zwei Vibraphone, Klavier und Streicher windet sich um drei jüdische Gesänge, die Hörenden tauchen ein in ein Gewässer, das von Sonnenlicht durchflutet ist. Der Reich’sche Groove fehlt.

Traveler’s Prayer feierte am 1. November seine US-Premiere in der Carnegie Hall. Eine Woche zuvor sprach ich mit Reich per Telefon über die Angst vor der Uraufführung, seine Änderungen an biblischen Texten für das Stück und die Ähnlichkeit zwischen Reisen und Sterben.

VAN: Ihr neues Stück Traveler’s Prayer wurde in Amsterdam uraufgeführt, jetzt hat es in New York US-Premiere. Ist das das erste Mal, dass Sie dieses Stück hören?
Steve Reich: Ich habe meine internationalen Reisen wegen meines Alters und meiner Gesundheit eingeschränkt und auch wegen COVID. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht bei den Proben dabei. Vieles musste ich per E-Mail klären. Nächste Woche werde ich endlich vor Ort in der Carnegie Hall sein. Ich habe dann nur ein paar Minuten Zeit, um einige wichtige Punkte anzusprechen, die bereits thematisiert wurden, die aber noch weiter vertieft werden müssen. Es geht nicht nur darum, das Stück zu hören, sondern auch darum, noch einige wichtige Änderungen vorzunehmen.




VAN Magazin, 2.11.2022

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