Vilde Frang: Auf einen Tango mit dem Tod

Die norwegische Geigerin ist ein Star ohne Allüren, sie besticht durch ihre Offenheit und Authentizität. Jetzt spielt Vilde Frang in Zürich das Violinkonzert von Alban Berg – ein Werk, das sie regelrecht gepackt hat. Von Thomas Schacher.

Nun hat Covid auch die Tonhalle-Gesellschaft Zürich erreicht: Paavo Järvi, der Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters, ist laut einer Medienmitteilung vom Montagmorgen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Er kann die drei Konzerte dieser Woche nicht dirigieren, das Mittwoch-Konzert fällt aus. Für Donnerstag und Freitag konnte dagegen ein bemerkenswerter Ersatz verpflichtet werden, nämlich Lionel Bringuier, Järvis direkter Vorgänger im Amt. Nicht betroffen von der Änderung ist zum Glück der mit Spannung erwartete Auftritt der Geigerin Vilde Frang. Sie wird wie geplant das Violinkonzert von Alban Berg interpretieren.



Den Zugang zu diesem Schlüsselwerk der Moderne hat die Norwegerin erst vor einigen Jahren gefunden. Dann aber hat das Werk sie mit einer solchen Kraft gepackt, dass sie völlig davon eingenommen war – «really obsessed», sagt sie im Interview. Das Violinkonzert, das Berg im Gedenken an die mit neunzehn Jahren verstorbene Manon Gropius, die Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius, komponiert und «Dem Andenken eines Engels» gewidmet hat, trägt für Vilde Frang eindeutig programmatische Züge. Im ersten Satz hört sie die Reinheit der Kindheit und die Fröhlichkeit der Jugend. «Der zweite Satz», sagt sie, «ist zuerst eine Art Tango mit dem Tod, dann öffnet der Bach-Choral im zweiten Teil eine kosmische Dimension und führt uns gewissermassen zu den Sternen.»



© NZZ, Feuilleton, 18.1.2022


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