„Von der Kunst, die Grenzen auszureizen“ Gedanken zum 100. Geburtstag György Ligetis
Von Stefan Drees. (nmz) Im heutigen Kulturleben ist György Ligeti durchaus präsent: Viele seiner Kompositionen sind, teils mehrfach eingespielt, auf Tonträgern erhältlich. Schlüsselwerke haben den Sprung ins Repertoire geschafft und finden regelmäßig ihren Weg in Konzertprogramme.
Mit Blick auf Werk und Person ist zudem längst eine von Einzelpersonen kaum noch zu überblickende Forschungsliteratur entstanden. Worauf aber gründet sich die Attraktivität Ligetis für die Gegenwart? Einige persönliche Gedanken zum einhundertsten Geburtstag des Komponisten.
Meine erste Begegnung mit der Musik György Ligetis vollzog sich nicht über einen klingenden, sondern über einen visuellen Eindruck, nämlich über die Abbildung einer Notentextseite im damaligen Musiklehrbuch der Sekundarstufe I. Zu sehen war, da der Beginn des Cembalostücks „Continuum“ (1968): Die irritierende Anordnung von repetierten kleinen Terzen, über zwei Systeme hinweg in gegenläufiger Bewegung und rasendem Tempo aus beiden Händen geschüttelt, um dann zunächst in der rechten und gleich darauf in der linken Hand schrittweise zu differierenden Ketten von drei, vier und fünf Tönen anzuwachsen – all das wollte für den Zwölfjährigen keinen rechten Sinn ergeben. Als ich schließlich einige Zeit später die Gelegenheit hatte, das rätselhafte Stück zu hören, war ich ebenso schockiert wie verblüfft: Denn der Eindruck eines flächig ausgestreuten Klangbands, aus dem rhythmische Strukturen hervorzutreten beginnen, die sich ständig verändern und trotz gleichmäßiger Motorik agogisch zu fluktuieren scheinen, erschütterte meinen bisherigen musikalischen Erfahrungshorizont. Und so wurde Ligetis Spiel mit Illusionen zu einer Initialzündung, um in die Welt des zeitgenössischen Komponierens einzutauchen.
© NMZ , 4/2023 – 72. Jahrgang