„Von Unten oder von Oben?“ Volk und Elite – Ein Krisenbericht
Der Grundwiderspruch zwischen den Rechten von Staatsbürgern und den Rechten von Besitzenden, zwischen Demokratie und Kapitalismus, schließlich zwischen Volk und Elite zieht sich durch die Geschichte der westlichen Demokratien. Einmal wird er abgemildert, das andere Mal verschärft.
Von Markus Metz und Georg Seeßlen
In der jüngsten Verschärfung des Widerspruchs ist der Begriff Volk ebenso wie der der Elite nach rechts gewandert. Dort wird unter Volk etwas ganz anderes verstanden, nämlich ein nationalistisches und nicht selten rassistisches Konstrukt, nicht umsonst soll sogar das widerliche Wort vom „Völkischen“ wieder salonfähig werden. Auch unter Elite versteht man rechts etwas anderes als in der demokratischen Kritik, nämlich keineswegs die Machthaber und die Unterdrücker, sondern im Gegenteil ein politisch-kulturelles Establishment, das nach der Meinung der Rechten das eigene Volk verrät mithilfe von Journalisten, Wissenschaftlern und Kritikern.
Gibt es „das Volk“ und „die Elite“ überhaupt außerhalb der politischen Rhetorik? Sind sie „natürliche“ Erscheinungen jeder funktionierenden Gesellschaft – oder doch Konstrukte der Macht, die sich zu verhärten und pervertieren pflegen? Ist die Existenz einer Elite, so sie sich nicht in der alten Form einer Klassen- oder Feudalherrschaft zeigt, mit dem Projekt der Demokratie vereinbar? Ist die Existenz von „Volk“ als mythisches historisches Subjekt mit einem kollektiven Willen und einer kollektiven Moral mit einer liberalen und aufgeklärten Gesellschaft vereinbar? Welche Funktionen von Kontrolle und Kritik gibt es zwischen Volk und Elite, und wo erscheinen diese in der Form von Denunziation?