„Wasserspiele und Wirbelstürme“ Die Jazzpianistin Marie Krüttli
Mit „Transparence“ hat die Schweizer Wahlberlinerin ihr erstes Soloalbum eingespielt. Grund genug, mit ihr über ihre musikalische Welt zu sprechen. Von Gregor Dotzauer.
Was ihr die Ehre eines Treffens verschafft habe, fragt sie, als wäre es das Absonderlichste der Welt, sich mit einer Pianistin zu verabreden, deren Namen im europäischen Jazz seit einigen Jahren einen Klang bekommen hat. Tatsächlich ist Marie Krüttli in ihrer Wahlheimat Berlin nicht besonders präsent. Sie ist in der Stadt untergetaucht, ohne sie wirklich erobern zu wollen.
Hin und wieder kann man sie im Donau 115 oder im Schlot hören – das Gros ihrer Auftritte findet in der Schweiz statt, wo sie 1991 im französischsprachigen Saint-Imier im Kanton Bern geboren wurde, oder im benachbarten Europa. Sie hat keinen Konzern und keine große Agentur im Rücken. Sie gehört weder zum Dunstkreis des Jazzinstituts noch im engeren Sinn zur einheimischen Szene.
Ihre pianistischen Helden heißen generationsbedingt nicht mehr Paul Bley oder Masabumi Kikuchi, die dem bloßen Virtuosentum in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein dramatisches Rubato-Spiel entgegensetzten. Es sind allenfalls der junge Herbie Hancock oder heute Craig Taborn, der sich unter allen Jazzpianisten seiner Generation neben traditionelleren Projekten vielleicht am weitesten und prominentesten in die Grenzregionen von Improvisationsmusik und Neuer Musik vorgewagt hat, oder der Franzose Benoît Delbecq, mit dem sie schon im Duo aufgetreten ist.
© Tagesspiegel, Kultur, 9.5.2023