„Weather Alive“ von Beth Orton „Ein altes Klavier als Faustpfand“

Lange Zeit schien die britische Musikerin Beth Orton verstummt, jetzt bringt sie wieder Träume in Bewegung. Ihr neues Album ist ein Highlight des bisherigen Popjahres. Eine Rezension von André Boße.

Eben kam jemand ins Büro, hörte, was da aus den Lautsprecherboxen floss und meinte: „Ist der Sänger von den Fine Young Cannibals jetzt bei Talk Talk eingestiegen?“ Was für eine Frage! Roland Gift, der begnadete Pop- und Soulsänger mit der hohen, leicht gebrochenen Crooner-Stimme, als neuer Sänger von Talk Talk, der unwahrscheinlichsten aller Bands, weil ihr verstorbener Vorstand Mark Hollis glaubte, die Stille sei wertvoller als der Ton – das wäre eine Sensation. Und natürlich ist es auch eine Illusion. Aber das ist nicht schlimm, denn der Song, der klingt, als singe Gift und spielten Talk Talk dazu, der existiert ja wirklich. Weather Alive heißt das Lied, dauert länger als sieben Minuten und ist sowohl Auftakt- als auch Titelsong des neuen Albums der britischen Musikerin Beth Orton.



Beth Orton, da klingelt was. In den Neunzigerjahren war sie, Jahrgang 1970, eine zentrale Figur der britischen Elektronikszene. Sie arbeitete mit William Orbit zusammen, der damals Madonna einen modernen Sound verpasste und Blur zu Wirkungstreffern im ewigen Britpop-Zweikampf mit Oasis verhalf. Sie sang für die Hitmaschine der Chemical Brothers und half der Band Red Snapper dabei, Jazz und Trip-Hop so zusammenzuführen, dass Popmusik entsteht. Ortons erstes Soloalbum Super Pinky Mandy ist 1993 lediglich in Japan erschienen, in einer Miniauflage von nur 500 CDs. Wer eine davon zu Hause herumstehen hat, darf sich glücklich schätzen, der Marktwert liegt heute bei fast 500 Euro.




© ZeitOnline, Kultur, Musik, 22.9.2022

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner