Musiktipps

„Zuwendung, nicht Verhöhnung“ Ultraschall-Festival Berlin von Jan Brachmann

Was macht neue Musik, wenn ihre Materialdiskussionen keine Maus mehr hinterm Ofen hervorlocken? Sie lädt liebevoll zum Spiel ein. Das war beim Festival Ultraschall Berlin zu beobachten.

Diese Musik gleißt. Sie ist heiß und hell zugleich. Metallisch hart und sirenenhaft lockend. Ein Stahlrausch. Eine Schmelzofenorgie. Orchestrale Eisenhüttenerotik. „Glut“ heißt das Stück von Dieter Ammann, mit dem Ultraschall Berlin, das gemeinsame Festival für Neue Musik der Radio-Anstalten Deutschlandfunk Kultur und RBB Kultur, seine diesjährige Saison eröffnet hat. Jonathan Stockhammer am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) ist ein Lustmusiker, der etwas weiß über Kontrolle als Weg zur Ekstase, der die diatonischen Streicherballungen zwischen dem perkussiven Krach nicht nur als kompositorisches Bindemittel begreift, sondern als Infektionstreiber eines Faszinationsgeschehens, die der Sauerstoffzufuhr durch Dynamik bedürfen, um Licht und Hitze freizusetzen.



„Glut“ als Titel ist eine Art Kalauer, weil er im Deutschen ebendas bedeutet, was er sagt, im Englischen aber für „Überfluss“, „Opulenz“, also die materielle Grundlage der „Völlerei“ (gluttony), steht. Man kann den Titel aber auch ernstnehmen als sprachliche Verbindung zwischen der Verfeuerung fossiler Brennstoffe und der Völlerei, die sie ermöglicht hat. „Glut“ stünde dann auch für die fetten Jahre, die nun vorbei sind, für eine Zukunft, die früher einmal besser schien, für die futuristische Nostalgie einer Neuen Musik, die ihre besten Jahre hinter sich hat.



© FAZ, Feuilleton, 27.1.2022

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert