„Musik mit ganz neuen Spielregeln“ Michael Wollny, Emile Parisien, Tim Lefebvre und Christian Lillinger als „XXXX“
Wenn vier Männer wie Figuren in einem Videospiel durch die Musik laufen: „XXXX“ heißt die neue magische Platte des Jazzpianisten Michael Wollny, die er mit Emile Parisien, Tim Lefebvre und Christian Lillinger aufgenommen hat. Von Thomas Lindemann.
Es kostet Mut, alle Sicherheitsvorrichtungen aufzugeben und einfach so zu springen, ohne Fallschirm“ – dieses etwas schiefe, aber doch schöne Bild prägte der Gitarrist Carlos Santana einmal. Da wurde er nach der Platte „Bitches Brew“ gefragt, die Miles Davis im Jahr 1970 veröffentlichte. Ein umstrittenes Album, das keinen Regeln zu folgen schien. Der berühmte Trompeter hatte eine Hand voll Musiker ins Studio eingeladen, ihnen aber keine Noten gegeben, sondern nur gesagt: „Play What You Hear“ – spielt nach Gehör. Und dann waren all diese Weltmeister des Jazz ratlos. Zunächst. Am Ende wurde es ein Meisterwerk.
Musik ohne Regeln. Musik, die ihren Sinn selbst erfindet und sich selbst ihre Grundlage gibt: Seltene Momente, wenn es gelingt. „Leucocyte“, die letzte Platte des Esbjörn Svensson Trios vor 13 Jahren, war so einer. Und jetzt ist es wieder einmal so weit. Das Album „XXXX“ ist erschienen, die neue Platte des deutschen Jazzpianisten Michael Wollny.

© FAZ, Feuilleton, 17.6.2021