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„Quellengewissheit“ Wahrheit ist Belegbarkeit. Von Florian Felix Weyh

Seit Erfindung des Buchdrucks war der Quellenverweis eine der wichtigsten intellektuellen Errungenschaften. Er sicherte den kollektiven Wissenserwerb und die darauf basierenden Denkprozesse gegen Manipulationen ab. Doch im digitalen Zeitalter ist der Quellenverweis bedroht.

Was machen wir in Zukunft mit Zitaten, Zitierungen und Verlinkungen, wenn Info-Bits jederzeit gegen andere Info-Bits ausgetauscht werden können? Worauf beziehen wir uns zurück, wollen wir Fakten belegen und Wahrheitsvermutungen als relevant erklären? So trivial die technische Zukunft eines fluiden Quellensystems auf den ersten Blick erscheint, so herausfordernd sind die Folgen für den intellektuellen Diskurs. Müssen wir uns am Ende vom – letztlich alttestamentarischen – Geistesglauben verabschieden, es gäbe überhaupt so etwas wie verbindliche Quellen, Nullpunkte des Denkens?

Auftritt Rumpelstilzchen im Gewande des Philosophen. Name: Peter Sloterdijk. Vor ein paar Jahren gab der stets hochfahrende Geist dem SZ-Magazin ein langes Interview und erklärte in der ihm eigenen Bescheidenheit: „Zu meiner Autorenethik gehört, dass ich Zitate nicht kleiner drucken lasse als den eigenen Text. Die Germanisten-Halunken und die Soziologen-Canaille erkennt man daran, dass sie Sätze von Goethe und Max Weber zwei Punkte kleiner setzen lassen.“ i Das ist eine ziemlich raffinierte Ethik, weil sie in einem Satz zugleich die akademische Konkurrenz erniedrigt wie Sloterdijk selbst aufwertet, der sich auf Augenhöhe mit Goethe und Max Weber zu bewegen wagt. Eine etwas andere Autorenethik formulierte 1998 Georg Franck: „Das Zitat ist mehr als eine bloße Formalität. Der Zitierende äußert die Verzichtbereitschaft auf einen Teil der Aufmerksamkeit, die seine eigene Produktion verdient. Er erklärt sich damit einverstanden, dass der betreffende Teil auf das Konto des Zitierten überwiesen wird. Das Zitat ist die Lizenz, die Überweisung ist das Entgelt für die Verwendung fremden geistigen Eigentums.“ ii

Schlussbilanz der Wissenskultur schon vor 20 Jahren eröffnet

Eine Saison lang machte vor 20 Jahren das Buch „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ Georg Franck zum Star des Feuilletons. Die Entdeckung, Aufmerksamkeit sei – metaphorisch gesprochen – zur Währung der Mediengesellschaft geworden, passte gut zum datentröpfelnden Start des künftigen Massenmediums Internet. Für Franck stand allerdings ein ganz anderes Phänomen im Mittelpunkt, nämlich das „Zentralinstitut des mentalen Kapitalismus“ iii, wie er das damals noch junge Privatfernsehen nannte. Aber was wäre unser heutiges Internet in der Wahrnehmung von 1998 anderes als ein von allen Regularien befreites, in Millionen Kanäle explodiertes Privatfernsehen, eine durchkommerzialisierte und sich von Menschenlebenszeit nährende Aufmerksamkeitsvertilgungsmaschine?



© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 6.2.2022

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