„Gute gealterte Kopfhörersuperhirne“ Stereolab + Neu!
Klassenkampf als Muzak: Die Londoner Band Stereolab kommt auf Abschiedstour. Ihren stilvollen Pop zitieren sie auch vom Debütalbum des Krautrockduos Neu!, das nun erneut veröffentlicht wird. Von Benjamin Moldenhauer.
Die Musik der britischen Band Stereolab ist Pop von rockenden Plattensammler:innen. Wenn der britische Kulturkritiker Simon Reynolds, Spezialist für alles Retromanische, so eine Diagnose formuliert, ist sie kein Negativurteil. Sondern wirkt so, dass man Lust bekommt, diese Alben nach vielen Jahren wieder zu hören: „The ultimate record-collection rockers.“ Und weil das süß-versponnene Nerdtum, das sich im Werk von Stereolab stets mit artikuliert, schon immer dazu neigte, mehr und mehr Stränge, Genres, Sounds und Pluckereien ins eigene System hineinzuziehen, hat sich dieser Sound im Laufe der inzwischen dreißigjährigen Bandgeschichte immer wieder gewandelt. Und ist doch stoisch gleich geblieben.
Die Konstante bildet das bandeigene Stilbewusstsein, entlang dessen sich alles hier sortiert. Los ging das mit statischen Farfisa- und Moog-Space-Reisen, oft auch mit leicht verkrachter Shoegaze-Gitarre, über einem statischen Beat. Und über allem der Gesang von Lætitia Sadier und der 2002 durch einen tragischen Fahrradunfall verstorbenen Mary Hansen. Stereolab-Songs klingen sehr schön und lakonisch und vermeiden trotzdem die im Indie-Kosmos sehr verbreitete Anmutung engelhafter Entkörperlichung von Frauenstimmen. Um stattdessen mit einer Klangsignatur im Rücken, die in den späteren Werkphasen die Noise- und Feedback-Reste mehr und mehr verabschiedet hatte, in einem bezaubernden englisch-französischen Sprachmix zur Revolte aufzurufen.
TAZ, Kultur, 11.11.2022