Musiktipps

Ernst von Siemens-Musikpreis 2023: Sir George Benjamin

„Auf Haut geschrieben“ Von Max Nyffeler (FAZ) +“Magier der Rätsel“ Von Reinhard Brembeck (SZ). Mit einer Viertelmillion Euro ist der Ernst von Siemens-Musikpreis einer der weltweit höchstdotierten Preise für Musik. In diesem Jahr geht er an den englischen Komponisten Sir George Benjamin.

Es klinge zwar etwas seltsam, aber beim Komponieren sei er stark vom Wetter beeinflusst, sagte George Benjamin vor elf Jahren im Zusammenhang mit seinem Orchesterstück „Palimpsest“. Er liebe sonnige, wolkenlose Wintertage, „wenn die Luft vollkommen klar ist und es dieses heftige, direkte Licht gibt, das die Verschiedenheit der Dinge akzentuiert und die Details einer Landschaft klarer erscheinen lässt. Das transformiert die Welt, man sieht sie mit anderen Augen an.“

Benjamin, dem nun der mit einer viertel Million Euro dotierte Ernst von Siemens Musikpreis 2023 zuerkannt wird, vermag solche sensuellen Eindrücke wie kein Zweiter in klare, transparente Strukturen umzusetzen. Die Musik von Claude Debussy gehörte zu seinen frühen Anregungen, aber sein Weg führte ihn zu einem persönlichen, von starker Assimilierungskraft gezeichneten Stil. Französische Einflüsse, die englische Tradition, für die Benjamin Britten beispielhaft steht, Schönbergs Reihentechnik und ein durch Computerkenntnisse geschärftes Klang­verständnis sind darin zur Synthese gebracht. Stets geht es Benjamin um gedankliche Inhalte jenseits des reinen Strukturdenkens. Damit bewegt er sich in einem musikalischen Traditionsfeld, dem im deutsch­sprachigen Kulturraum, wo allzu lange hauptsächlich Fragen des Materials und der Technik diskutiert wurden, bis heute zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.




© FAZ, Kultur, 31.1.2023


„Magier der Rätsel“ Von Reinhard Brembeck

Benjamin, 1960 in London geboren, ist in Musikerkreisen berühmt, aber darüber hinaus kennt ihn kaum jemand. Dabei wurde seine letzte Oper, „Lessons in Love and Violence“ ist eine Macht- und Liebes- und Sadismusstudie, nicht nur in London (Benjamin dirigierte die Uraufführung), sondern danach auch in Amsterdam, Hamburg, Lyon, Chicago und Madrid gezeigt. Auch die beiden Vorgängerstücke „Written on Skin“ und „Into the Little Hill“ waren große Erfolge, gerade auch beim Publikum. Dabei ist George Benjamin ein mit allen Wassern gewaschener und genau reflektierender Avantgardist, der aber als Komponist wie als Dirigent immer die Balance zu finden weiß zwischen Klangkonstruktion und überbordender Sinnlichkeit. Benjamin liebt die Klarheit, er schreibt immer kurz und präzise (die „Lessons“-Oper dauert nur 90 Minuten), klangfarbenreich und die Fantasie anregend. Und obwohl seine Klänge immer eine rätselhafte Aureole umgibt, setzt er vor allem auf die Durchsichtigkeit seiner Klangerfindungen, er hält sich an narrative Stücke, die andere Avantgardisten als überlebt ablehnen, und schreibt Melodien, auch das war für etliche seiner Kollegen lange Zeit ein Tabu.



© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 31.1.2023


Jakob Buhre im Interview mit George Benjamin: „Das Publikum zu unterfordern, wäre respektlos“



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