Ernst von Siemens Musikpreis 2022: Olga Neuwirth – Die Alleinläuferin

Umarmung für das bockigste Kind: zur Verleihung des Siemens Musikpreises an die großartige Komponistin Olga Neuwirth. Von Christine Lemke-Matwey.

Das Lustigste an diesem feierlichen Abend im Münchner Prinzregententheater war Olga Neuwirths „Gewand“, wie man in Österreich sagt, also das, was sie anhatte. Klar, dass bei Frauen zuerst über Äußerlichkeiten gesprochen wird; klar auch, dass Neuwirth sich Gedanken gemacht haben wird, was sie zu diesem Anlass tragen würde. Schließlich bekommt man als Komponistin nicht aller Tage den mit 250.000 Euro dotierten Ernst von Siemens Musikpreis für sein Lebenswerk verliehen. Nun, Neuwirth erschien ganz in Schwarz, nur die Schnürsenkel ihrer Sneaker strahlten weiß. Der Clou aber war ihr Jackett und was daran baumelte, lose, hinten wie vorne: allerlei Kunststoffriemen und -verschlüsse nämlich, sogenannte Steckschließer, wie an einem Bergrucksack. Nur dass die 53-Jährige keinen Rucksack trug, sondern eine coole Designerklamotte.

Kleine modephilosophische Exegese also: Ist sich diese Komponistin, apropos Rucksack, selbst die größte, schwerste Fracht? Pocht sie auf Sicherheit? Oder will das, womit sie sich seit Jahrzehnten proviantiert, ihr reiches, grenzgängerisches Œuvre, im Moment seines messbarsten Erfolgs vielleicht einfach nur anschlussfähig sein? Click and connect?




© Zeit Online, Kultur, 8.6.2022

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