„Ästhetik des Funkenstiebens“ Mehr Lärm von Helm

Der britische Produzent Helm gesteht auf seinem blubbernden, fiependen und knarzenden Noise-Album „Axis“ den Maschinen ihr Eigenleben zu. Von Philipp Rhensius.

Als Teenager habe ich Schlagzeug in einer Punkband gespielt. Eines Tages bemerkte ich im Proberaum ein Klackern, das von der mechanischen Heizungsuhr kam. Ich hörte ihr einige Minuten lang zu, bis ich entschied, den seltsamen Rhythmus als Vorlage zum Üben zu verwenden.

Da wurde mir klar, dass auch Störgeräusche Musik sein können. Ich schüttelte seitdem nur noch mürrisch den Kopf, wenn mir der Musiklehrer in der Schule erklärte, was „richtige“ Musik sei und was nicht. Richtig hieß für ihn so viel wie: Schön, was wiederum so viel hieß wie: harmonisch, geordnet oder noch verdächtiger: rein. Mir wurde klar, dass Musik immer eine Neuverhandlung von Ästhetik ist, vor allem von Schönheit.

Das neue Album „Axis“ des britischen Musikers Luke Younger alias Helm kann exemplarisch für diese Aushandlung stehen. Schönheit unterliegt hier allem anderen als einer Ideologie von Ordnung und Reinheit. Es knarzt, fiept, blubbert und kracht derart, dass mein Musiklehrer von dem Lärm womöglich einen Kreislaufkollaps bekommen hätte.




© TAZ, Kultur, 12.11.2021

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