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Aufmerksamkeit war gestern – Verbindlichkeit ist heute

Politik richtet sich nach der Öffentlichkeit, also muss Protest Öffentlichkeit suchen, will er Politik unter Druck setzen – so lautet die Maxime der Aufmerksamkeitsgesellschaft. Ein Essay von Florian Felix Weyh.

Verbindlichkeit ist die graue Eminenz in demokratischen Gesellschaften. Sie verknüpft die Freiheit des Individuums mit den Notwendigkeiten des Kollektivs, das Ausleben mit dem Hinnehmen, die Gegenwart mit der Zukunft. „Schwach normativ“ nennt sie die Soziologie, und gerade deshalb wirkt sie besser als Gesetze: Wer sich selbst zu etwas verpflichtet, wird vom Strohfeuer der Medien nicht täglich für etwas Neues entzündet. Was Protest eigentlich benötigt, ist Verbindlichkeit: zwischen einem Problem, Lösungsvorschlägen und den einzelnen Akteuren der Demokratie, inklusive derjenigen, die man mit dem Protest als Übeltäter markiert. Das erfordert eine kompliziertere Ansprache, als medienkompatible Spektakel sie leisten können.

Eines Tages ist sie da: die ansteckende, tödliche, neue Krankheit. Es dauert ein bisschen, bis man ihr Ausmaß begriffen hat. Doch nach wenigen Wochen zeigt sich: Viele Menschen sterben an der von einem Virus zerstörten Leber, andere wiederum an plötzlichem Herzversagen. Bei Dritten sind die Nieren derart beschädigt, dass nach dem Infekt eine lebenslange Dialyse droht – oder unbehandelt ebenfalls der Tod.



© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 1.5.2023

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