„Avantgarde und Piraterie“ Elektronische Musik aus Afrika
Africa goes electronic: Neue Alben mit Hochzeitsmusik vom sudanesischen Keyboarder Jantra und die Modularsynthese von Afrorack aus Uganda. Von Julian Weber.
Wann waren Sie zuletzt auf einem Polterabend, dessen Musik nachhaltig verzauberte? Wo die Junggesellinnen und -gesellen nicht zu Salzsäulen erstarrt ins Bierglas schauen, sondern auf dem Dancefloor herumwirbeln wie Derwische und selbst notorische Heiratsmuffel erstaunt aufhorchen. Alle werden elektrisiert von einer hypnotischen Musik, deren tiefes Verständnis für zischelnde und tänzelnde Rhythmen zu Herzen geht. Deren fliehende Rhythmen zwischen 155 und 168 Bpm die Erde zum Beben bringt; uptempo ist dieser Sound, aber scheinbar ohne Bestimmtheit vorwärtstreibend, einzig um den Tonkaskaden und endlos improvisierten Melodien maximale Bewegungsfreiheit zu garantieren.
Die schnellen Beats werden im Sudan „Seyra“ oder „Sera“ genannt, der Musikstil nennt sich Jaglara, was im sudanesischen Arabisch allgemein als Bezeichnung für Improvisation steht. Dank des Hamburger Labels Ostinato erklingt Jaglara-Sound nun erstmals auf dem Album „Synthesized Sudan: Astro-Nubian Electronic Dance Sound from the Fashaga Underground“. Hier wird zwar Extraterrestrisches suggeriert, die Musik kommt aber einzig und allein vom bodenständigen sudanesischen Keyboarder Jantra. Als Solist spielt Jantra auch so virtuos auf wie ein ganzes Hochzeitsorchester.
© TAZ, Kultur, 15.6.2023