Ballaké Sissoko: Nachrichten aus dem anderen Mali von Jonathan Fischer
Ballaké Sissoko ist einer der besten Spieler der Kora, der malischen Stegharfe. Während sein Heimatland in Chaos versinkt, erzählt seine Musik von Toleranz und Offenheit.
Aus Mali gibt es derzeit vor allem katastrophale Nachrichten. Dschihadisten, Drogendealer und sich befehdende ethnische Milizen kontrollieren einen Großteil des westafrikanischen Landes. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Korruption durchdringt alle Teile des Staates. Und dann hat das Militär gerade zum zweiten Mal innerhalb von neun Monaten geputscht. Die Untergangsspirale scheint sich immer schneller zu drehen.
„Im Vielvölkerstaat Mali liefert uns Musik den einzig verlässlichen Kitt“, sagt Sissoko am Telefon, er hält sich da gerade in seiner Villa in der malischen Hauptstadt Bamako auf. „Ohne Musik wäre das Land schon längst auseinandergefallen.“
Ballaké Sissoko
Explizit politisch mag sich Ballaké Sissoko zwar nicht äußern, „als Griot“, sagt er, „adressiere ich die Mächtigen lieber unter vier Augen“. Doch als Musiker konfrontiert er die konservative Gesellschaft Malis mit durchaus emanzipatorischen Ansätzen. Das zeigt sich vor allem an seiner Förderung weiblicher Kora-Spielerinnen. Früher war das Instrument für Nichtangehörige von Griot-Familien und insbesondere für Frauen tabu. Sissoko hingegen lud für das Titelstück des Albums die gambische Kora-Spielerin Sona Jobarteh ein und überließ deren flirrendem Spiel und Sirenengesang weitgehend das Feld.
„Üblicherweise läuft die Übertragung der Griot-Tradition vom Vater auf den Sohn“, sagt Sissoko noch am Telefon. „Ich aber habe entschieden, meine Söhne überall zu suchen …“ Dann wiederholt er den Satz: „Ich aber habe entschieden …“ Die Söhne, so kann man das nur verstehen, können bei Ballaké Sissoko auch Schwestern sein. Und so enthält seine Musik immer auch gute Nachrichten aus diesem Land Mali.
© Zeit Online, Kultur, 19.6.2021