Boards of Canada: Inferno oder Sie bleiben lieber offline
Ein Musiktipp von Julian Weber (TAZ). Niemand sonst klingt so schwindelig wie Boards of Canada. Kommende Woche erscheint nach 13-jähriger Pause das neue Album des schottischen Elektronik-Duos.
Es sei die Aufgabe eines Künstlers, Realität zu erfinden, Fiktion existiere schließlich schon, hat der britische Sci-Fi-Autor J. G. Ballard in den späten 1960ern erklärt. Und damit auf das Kontrollregime von Werbeästhetik in Massenmedien abgezielt, das populäre Vorstellungswelten durch Imagefilme, Slogans, Farblogos und Erkennungsmelodien im kollektiven Gedächtnis verankert. „Feuer, Pfeife: Stanwell“, wie der Slogan eines Tabaks jener Pfeifenraucher-Zeit lautete, der immer noch mein Gehirn bewohnt und ab jetzt auch Ihres.
Ballard erkannte in Slogans, Ikonen und Jingles literarisches Potenzial, er zapfte Poesie aus dem trostlosen Archiv korporativer Markennamen und Werbetexten. Heute, da das Klang- und Bilderfließband Internet den analogen Medien das Monopol auf Bild- und Textproduktion längst streitig gemacht hat, nimmt das schottische Elektronik-Duo Boards of Canada Ballards alten Faden wieder auf.
© TAZ, Kultur, Musik, 26.5.2026