„Die Allherrschaft der Algorithmen“ Zur technischen Erledigung moralischer Willensbildung
Seit langer Zeit hofft die Philosophie, dass der Mensch sich bei Problemen moralisch entscheidet. Digitale Technologien versprechen hier neue Lösungen: Sie zwingen den Menschen zum richtigen Verhalten. Ethiker warnen vor dieser Entwicklung. Von Roberto Simanowski.
Ob nun inneres moralisches Gesetz oder die Strafandrohung von außen – die Menschheit hat viele Methoden im Blick, die uns zum richtigen Handeln bringen sollen. Nun träumen Technokraten von einer Welt, in welcher der Mensch gar nicht falsch handeln kann. Der Fortschritt macht es möglich; das selbstfahrende Auto, das sich an die Verkehrsregeln hält, ist da noch die optimistischste Vision des sogenannten Web3.
Längst ersinnen Firmen Drohnen, die mit anmontierten Elektroschockpistolen Amokläufe an Schulen stoppen sollen. Deshalb warnen Ethiker: In einer solchen Zukunft würden wir nicht mehr dem Menschen vertrauen, sondern dem Code. Die Demokratie wäre zur Algocracy geworden, zur Herrschaft der Algorithmen.
© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 12.2.2023
Roberto Simanowski, geboren 1963, lebt nach Professuren für Kultur- und Medienwissenschaft in den USA, der Schweiz und Hongkong als Publizist in Berlin und Rio de Janeiro. Zu Simanowskis Büchern gehören Data Love (2014/engl. 2018), Facebook-Gesellschaft (2016/engl. 2018) und Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien (2017, engl. 2018). Sein Buch Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz erhielt den Tractatus-Preis für philosophische Essayistik 2020.