„Durchblicke in die Zukunft“ András Schiffs Lehrstunde in Sachen Bach
Wenn er kommt, braucht es zusätzliche Stühle in der Tonhalle Zürich, erst recht, wenn er Bach spielt: In dessen Klavierkonzerten kehrte András Schiff auf geistreiche Weise die Perspektive um. Von Christian Wildhagen.
Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung seien bereit, «ohne weitere Bedenken» wieder kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, so hat es kürzlich eine Befragung im Auftrag des Bundesamts für Kultur ergeben. Etliche dieser Kulturhungrigen, die sich weder von Corona- noch von anderen Viren schrecken lassen wollen, dürften am Samstag in der Tonhalle Zürich gesessen haben. Das Haus war nicht nur bis auf den letzten Platz gefüllt, der Konzertveranstalter Hochuli hatte wegen des Andrangs sogar zusätzliche Stühle auf die Bühne gestellt.
Kein Wunder: Der Pianist András Schiff ist hier seit vielen Jahren ein Publikumsliebling, daran kann eine Pandemie so schnell nichts ändern, zumal Schiff – das war keineswegs die Regel – während der gesamten kulturellen Dürrezeit furchtlos weiter aufgetreten ist. Am Wochenende kam er zudem mit einem besonderen Konzertprojekt nach Zürich, das sich wohl nur wenige Pianisten in dieser Form zutrauen würden: einer Aufführung von sechs der sieben Solokonzerte für Klavier von Johann Sebastian Bach an einem Abend.
© NZZ, Feuilleton, 20.12.2022