„Ein gewisses Sehnen“ Víkingur Ólafsson – Mozart & Contempoparies

Der Pianist Víkingur Ólafsson ist süchtig nach Melancholie. Jetzt geht er dieser Leidenschaft bei W.A.Mozart nach. Von Michael Stallknecht.

Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson hat sich in den letzten Jahren ein Fanpublikum über die engeren Kreise der Klassikafficionados hinaus erobert, scheint auf eine schwer greifbare Weise zeitgenössischer, moderner zu wirken als viele andere. Nicht immer lässt es sich so leicht festmachen wie bei seinen Fortschreibungen und Übermalungen klassischer Werke, bei denen er sich auch elektronischer Klangmittel bedient und die Klangästhetik der sogenannten Neoklassik aufgreift. Auch viele der Stücke auf seiner jüngsten Platte mit Musik von Wolfgang A. Mozart sind Transkriptionen, darunter eine des langsamen Satzes aus dem Streichquintett in g-Moll KV 516. Das ist weniger Tabubruch als Anknüpfung an eine verschüttete Tradition, wie Ólafsson selbst am Schluss der Platte zeigt. Da nämlich spielt er das berühmte „Ave verum corpus“ für Chor in der Klaviertranskription von Franz Liszt und lässt Mozarts Sehnen dem Himmel entgegenstreben.



Zu dieser Nähe trägt auch die besondere Klangästhetik bei, die die Platte mit ihren Vorgängern teilt. Der Toningenieur Christopher Tarnow hat den Klang vor allem direkt im Flügelkorpus abgenommen, ein in der Klassik ziemlich unübliches Verfahren. Wo andere die CD als reines Transfermedium nutzen, stellt Ólafsson ihren technischen Charakter bewusst aus. Dabei werden nicht nur andere Frequenzen hörbar als im Konzertsaal, sondern auch das sonst ausgeblendete Nebengeräusch der Dämpfer. Dem Hörer verschafft es den Eindruck, mit dem Pianisten und der Musik allein zu sein, allein gelassen zu werden, was das melancholische Moment deutlich verstärkt. Vielleicht ist es diese Einsamkeit, die mangelnde Korrespondenz zwischen Ich und Welt, die in der hochvernetzten, aber das Individuum zugleich immer stärker überfordernden Gegenwart den zeitgenössischen Zug von Ólafssons Platten ausmacht.



© Süddeutsche Zeitung, Kultur, 6.10.2021

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