Musiktipps

Elektronikjubiläum: Teutonische Sinusgesänge – Das Album „Cluster 71“ wird 50 Jahre alt

Vor genau einem halben Jahrhundert begann die Zeitrechnung der deutschen elektronischen Musik neu. Würdigung einer Zeit, als die Generatoren seufzten. Von Ronald Pohl.

Natürlich stieg bereits lange vor „Cluster 71“ deutsche elektronische Musik betörend in den Äther auf. Deren humorlose Schöpfer waren ursprünglich in Labormäntel gehüllt. Das dünne Haar trugen sie sorgsam gescheitelt. Ein Komponist wie Stockhausen benötigte in den 1950ern endlose Monate, um seinem Sinusgenerator zirpend Zukunftsweisendes in Fünfminutenlänge zu entlocken. Das Ziel: „Neue Musik“. Deren Vertreter wiederum wollten mit den Machenschaften der aufsässigen Jugend möglichst wenig zu tun haben: den Wehrdienstverweigerern in Berlin, den Joseph-Beuys-Schülern in Düsseldorf.

Um kosmische Kurierdienste zu leisten, brauchte es – neben eminenter Klangfantasie – auch ein gerüttelt Maß an Unbedenklichkeit. Jemand wie Hans-Joachim Roedelius, neben Dieter Moebius die zweite, mehr bukolisch gestimmte Hälfte von Cluster, hatte aus der DDR in den Westen „rübergemacht“. Roedelius, ausgebildeter Heilmasseur, lebt heute übrigens 86-jährig als weltweit anerkannter Oheim der Ambient-Musik in Baden bei Wien. Er ist der letzte Überlebende.

„Cluster 71“ wurde vor genau 50 Jahren aufgenommen. Von Moebius und Roedelius, ohne Urmitglied Conrad Schnitzler, der seinerseits, als Maschinenschlosser, summende Generatoren beim Träumen belauscht hatte. Schnitzler schnallte sich Jahre später Tape-Recorder mit einer Metallkette um den Leib. Verstärker und Lautsprecher trug er am Helm durch angesagte Galerien spazieren: ein tönender Botschafter des synthetisierten Lauts. Für die zu diesem Zeitpunkt deutlich lieblichere Musik seiner beiden verbliebenen Cluster-Kollegen hatte er bloß Spott parat: „Wer weiß, hätte ich Klavier oder ein anderes Instrument spielen gelernt, würde ich vielleicht auch so unbedarftes Zeug machen …“

© Der Standard, 17.3.2021

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