„Es überkamen mich ganz eigenartige Empfindungen des Entsetzens“ Eine Lange Nacht über den deutschen Kolonialismus in Tansania
Von Jochen Rack. Die Kolonisierung von Deutsch-Ostafrika bis 1918 war ein kriegerisches Verbrechen. Deutsche und tansanische Aktivisten bemühen sich heute um die Aufarbeitung und fordern die Rückgabe geraubter Objekte und menschlicher Gebeine.
Gegen die Unterwerfung durch die kaiserliche „Schutztruppe“ leisteten die örtlichen Bevölkerungen erbitterten Widerstand. Vom Aufstand der sog. Küstenleute im Jahr 1888 bis zum Maji-Maji-Krieg 1905 bis 1907 kam es zu antikolonialen Erhebungen in Tanganjika, das das heutige Tansania und Teile von Ruanda und Burundi umfasste. Deutsche Soldaten, unterstützt durch afrikanische Söldner, setzten die Dörfer und Felder der Aufständischen in Brand, raubten ihr Vieh und verhängten die Todesstrafe gegen die Anführer. „Eigenartige Empfindungen des Entsetzens“ verspürte der deutsche Kolonialoffizier Tom von Prince, als er die Leiche eines von seinen Soldaten getöteten Hehe-Mädchens zu Gesicht bekam. Erbeutete Waffen und Kunstobjekte, aber auch menschliche Schädel von getöteten Chiefs gelangten in völkerkundliche und anthropologische Sammlungen in Deutschland. Im Zeichen des Postkolonialismus bemühen sich heute deutsche und tansanische Aktivisten um die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und fordern die Rückgabe geraubter Objekte und menschlicher Gebeine. Ethnologische Museen wie in Berlin oder München kooperieren mit Wissenschaftlern in Tansania, um Herkunft und Bedeutung der Objekte in ihren Beständen zu erforschen und ggf. Restitutionen zu ermöglichen. Und in Tansania selbst sind an den Schauplätzen ehemaliger deutscher Kolonialherrschaft, z.B. in Iringa im Südwesten des Landes und Old Moshi am Kilimandscharo, Mahnmale und Museen entstanden, die an die Opfer des deutschen Kolonialismus erinnern. Jochen Rack hat sie besucht und mit Aktivisten in Deutschland und Tansania gesprochen.
„Es überkamen mich ganz eigenartige Empfindungen des Entsetzens“
Eine Lange Nacht über den deutschen Kolonialismus in Tansania
Von Jochen Rack
Regie: Philippe Brühl
© Deutschlandfunk, Lange Nacht, 6.9.2025