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Essay: „Erschöpfte Demokratie“ Die Populisten sind da! Aber was war noch gleich der Populismus?

Von Jörg Baberowski (DLF). Fehlende Anerkennung, politische Entfremdung und ein entkernter Liberalismus bereiten den Boden für populistische Proteste. Was wäre, wenn der Boom des Populismus eine Antwort auf eine erschöpfte Demokratie ist?

Meist wird der Populismus als ungerechtfertigte Vereinfachung politischer Verhältnisse betrachtet, als Spiel auf einer Empörungsklaviatur, als Gegner einer pluralistischen, lebendigen Demokratie. Aber gibt es die eigentlich noch? Man kann den in ganz Europa erfolgreichen Populismus vielleicht auch als Symptom einer erschöpften repräsentativen Demokratie verstehen.

Wenn Globalisierung, supranationale Institutionen und entkernte Parteien den Mehrheitswillen oft ins Leere laufen lassen, dann wächst der Verdacht, nicht mehr – so die demokratische Unterstellung – „von uns selbst“ regiert zu werden. Auf diesem Misstrauen bauen Populisten ihren Affekt gegen „die da oben“ auf. Sie inszenieren den Bruch mit Elitenstil, Mediencodes und liberaler Moralmacht, um den Anspruch auf Anerkennung, Teilhabe und Verteilungsgerechtigkeit zu artikulieren. Einen Anspruch, den einst die Sozialdemokratie vertrat.

Populismus erscheint dann weniger als autoritärer Angriff auf die Demokratie denn als demokratische Revolte gegen einen undemokratisch gewordenen Liberalismus, der Konflikte moralisierend befriedet und Widerspruch aus dem Diskurs verbannt.

Jörg Baberowski, geboren 1961, ist Historiker und seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Geschichte des Stalinismus, der Sowjetunion sowie der Gewalt im 20. Jahrhundert. Mit Büchern wie „Der rote Terror“ und „Verbrannte Erde“ wurde er einem breiten Publikum bekannt. Sein jüngstes Buch „Am Volk vorbei – Zur Krise der liberalen Demokratie“ erscheint Ende Februar.

© Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 8.3.2026

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