Essay: Serien – Der Stoff für alle
Von Diedrich Diederichsen, Simon Rothöhler
Ist der Höhepunkt moderner Serienerzählung bereits überschritten? Oder treten wir in die Lelouch-Phase der Serie ein? Sind Serien immer noch der einzige Stoff, über den sich alle unterhalten können? Und was ist mit ihrem Anspruch auf Gegenwartsdeutung? Ein Gespräch über Serien.
Simon Rothöhler: Wenn ich mir die letzten zwei, drei Serienjahrgänge vor Augen führe, habe ich doch den Eindruck, dass wir uns, was die dominanten Bauweisen und Erzählgegenstände betrifft, in einer Phasefortschreitender Konsolidierung befinden. Im Grunde ein „post-kanonischer“ Moment, die Tropen werden tendenziell starrer, genrehafter. Die eigene Trainiertheit in Bezug auf avanciertes Serienerzählen kommt als Ermüdungsfaktor mitunter hinzu. Redundanter als früher scheinen sich bestimmte Serienmodi selbst zu wiederholen. Ausnahmen bestätigen aufs Ganze gesehen die Regel: Vergleichsweise Gutes gibt es natürlich immer noch, aber seltener im Zentrum des Hypes, man muss eher wieder die Ränder absuchen. Zugleich geht es in medientechnischer Hinsicht, sozusagen unter der Motorhaube, gar nicht statisch zu, sondern ziemlich rasant in Richtung einer intensivierten, vielfältig abschöpfbaren Verdatung: der Form, der Ökonomie, der Rezeptionsweisen der Serie.
Diedrich Diederichsen: Was die post-kanonische Standardisierung betrifft, stimme ich Dir zu. Zur ökonomischen Rasanz gehört, denke ich, auch eine kultursoziologische Beobachtung: die heftige Omnipräsenz des Seriengespräches, auch im Unterschied zum Kino- oder Popmusikgespräch an allen kulturellen Orten und Schnittstellen. Der neue Film, der jetzt gerade angelaufen ist, den alle gesehen haben, zu dem jeder etwas zu sagen hat – der ist natürlich schon lange, bevor die Serie neuen Typs in der zweiten Hälfte der 90er Jahre entstanden ist, vorbei gewesen. In unserem erweiterten Milieu verfolgen die Leute schon seit einiger Zeit nicht mehr, was es etwa an neuen Actionfilmen gibt. Auf der anderen Seite ist auch niemand mehr routinemäßig darüber informiert, was Godard gerade noch so treibt – und was Costa und Weerasethakul machen, interessiert Spezialisten, oft noch unterhalb der Feuilletonschwelle. Das war in den 80er Jahren noch anders, als sich auch die Intellektuellen noch für den neuen Bond und das Feuilleton sich für die Avantgarde interessierte. Dieses allgemeine Gespräch gibt es nicht mehr – außer eben bei den Serien. Die sind nach wie vor Gesprächsstoff. Und zwar weit über alle Spezialisierungen hinweg. Sie bringen auch keine hohen Distinktionsgewinne mehr, sind weder Hochkultur noch Popspezialistenkultur. Und trotzdem wollen alle dabei sein. Das interessiert mich, wie das sozial strukturiert ist, wie es dazu kommt…
© Perlentaucher, Essay, 18.1.2015
Das Gespräch bildet den Auftakt des Serien-Dossiers 2015 in Cargo Film|Medien|Kultur #28. Weitere Serien-Texte u.a. von David Wagner, Michael Rutschky, Bert Rebhandl, Ekkehard Knörer, Sarah Khan, Friedrich Balke. Dazu: Todd Haynes im Gespräch, Matthias Dell über die Leipzig-Filme von Andreas Voigt und Ute Holl zu Friedrich Kittlers Baggersee uvm.