Essay: Verwaltung in Zeiten der Kettensägen
Bürokratie – verflucht und unverzichtbar? Im Paragrafendschungel lauern Frust und Wut, aber ohne die der Verwaltung inhärenten Wenn-Dann-Regeln geht es nicht in der modernen Gesellschaft. In Zeiten des Bürokratiebashings gilt es, ihren Sinn zu verstehen.
Während heute viele Menschen die bloße Existenz staatlicher Eingriffe als „zu viel Staat“ kritisieren, stören sich andere an der Detailfülle von Gesetzen oder an der Art und Weise, wie Verwaltungen Entscheidungen treffen. Dringt man jedoch tief ein in den Dschungel der Paragrafen, erweisen sich Unternehmen wie Siemens oder Volkswagen als kaum weniger bürokratisch als Amtsstuben in Dessau oder Quickborn.
Statt bloß die angebliche Regelungswut des Staates zu geißeln, gilt es zu verstehen, wie Konzerne sich aus eigenem Antrieb in ein Netz aus Wenn-Dann-Vorschriften verstricken – und ihre Mitarbeiter gleich mit. Im Herz der Verwaltung ticken nämlich Wenn-Dann-Vorschriften, sie sind gewissermaßen der Quellcode moderner Verwaltungen.
Und das stellt sicher, dass die als Monster geschmähte Bürokratie eine Atmosphäre von Gerechtigkeit und Berechenbarkeit verbreitet. Ohne ein Mindestmaß an Formalien wären Korruption und Willkür das Gebot der Stunde, und auch Kafkas labyrinthische Visionen endeten nicht in den Fängen unpersönlicher Paragrafen, sondern in einer Klientelwirtschaft jenseits jeder Rechtssicherheit. So bleibt am Ende die Erkenntnis: Bürokratie mag zwar nerven, doch man sehnt sich sehr schnell nach ihr zurück, wo sie fehlt.
Stefan Kühl ist Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld. Zugleich berät er Unternehmen, Verwaltungen und Ministerien in Fragen der Organisations- und Strategieentwicklung. Zuletzt sind von ihm u.a. die Bücher „Der ganz formale Wahnsinn: 111 Einsichten in die Welt der Organisationen“ (Vahlen Verlag) und „Ganz normale Organisationen – Zur Soziologie des Holocaust“ (Suhrkamp Verlag) erschienen.
© Deutschlandfunk. Essay und Diskurs, 21.5.2025