Experiment im Konzertsaal „Lieben Sie Brahms? Sehr, etwas, gar nicht?“

Um herauszufinden, wie klassische Musik wirkt, ließen sich Konzertbesucher verkabeln. Da stellt sich manche Sinnfrage. Von Adrian Schulz.

Ich muss noch Wäsche waschen! Und wann ist der Zahnarzttermin? Dem Musiker sitzt eine Fliege auf der Nase.

Selbst bei etwas so Hochkulturellem wie einem klassischen Konzert schießen den Zuhörer*innen die niedersten Gedanken durch den Kopf. Wer hier Unschuld reklamiert, ja einen ausschließlichen Fokus auf die Musik setzt; wer glaubt, sich freisprechen zu können von der Last der eigenen Gedanken – und, schlimmer noch, der Sorge um die Gedanken der anderen –, der könnte auch nackt ins Konzert gehen.

Solche Gedanken und Gedankengedanken kommen mir, während ich in den Streichquintetten des „Experimental Concert Research“ sitze – und das alles andere als nackt. Im Gegenteil: Ein Atemgurt umspannt meinen Brustkorb. Handschuhe und Sensoren messen meine Hautleitfähigkeit. Infrarot-Kameras zeichnen mit 50 Frames pro Sekunde jede Bewegung meines Körpers auf. Klassik im Panoptikum.

Elf Abende, jeweils bis zu 200 Zuhörer*innen: Gigantische Datenmengen erwarten das interdisziplinäre Team unter der Leitung des Kultursoziologen Martin Tröndle. „Das sind pro Konzert Terabytes an Daten“, sagt er. Die Auswertung werde „zwei bis vier Jahre“ dauern. Tröndle, Hornbrille, schwäbischer Akzent, hat in einer Vorgängerstudie bereits die Physiologie von Museumsbesucher*innen untersucht.



© Der Tagesspiegel, Kultur, 7.5.2022

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