FAZ: „Klassizist des Beats“ Heiner Goebbels wird 70. Von Achim Heidenreich

Vom „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ über Heiner Müller zu „Stifters Dingen“: Beim Komponisten Heiner Goebbels sind Puls und Impuls immer eins. Heute wird er siebzig Jahre alt.

Das verästelte Lebenswerk des Komponisten, Intendanten, Inhabers der Georg-Büchner-Professur an der Justus-Liebig-Universität Gießen und virtuosen Instrumentalisten Heiner Goebbels entwickelte sich über die Jahrzehnte hinweg zu einer partizipativen, niedrigschwelligen sozialen Plastik. Mit seinem musiktheatralischen, medienkünstlerischen und nicht zuletzt mit seinen konzertanten Hörstücken hat er die viel gescholtene sogenannte Hochkultur auf den Boden der Tatsachen geholt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Diese gesicherte Teilhabe an seinen vielfarbig schillernden Werken ermöglicht Goebbels mittels des bei ihm stets wiederkehrenden Beats – und sei es das Geräusch tropfenden Wassers, etwa in seiner installativen Theaterarbeit „Stifters Dinge“ (Lausanne, 2007). Im Beat ist Goebbels sein eigener Klassizist. Puls und Impuls sind bei ihm eins.


Heiner Goebbels: Wolokolamsker Chaussee 1 – 5

Darin trifft er sich mit dem anderen großen Geburtstagskind des Jahres, Wolfgang Rihm. Zudem: Beider Heiner-Müller-Affinität zur gleichen Zeit kurz vor der politischen Wende verbindet sie mehr miteinander als eine gefühlte Skatbruderschaft. Sie fanden im Abarbeiten am gleichen Material künstlerische Antworten auf dringliche gesellschaftliche Fragen, etwa was die Rolle von Kunst in der verwalteten Welt überhaupt noch sein könnte? Die Antworten waren ebenso pessimistisch wie auch visionär, denn – was fällt, musst du stoßen, weiß der Avantgardist – die SED-Diktatur gibt es nicht mehr. Drei Tage vor dem 9. November 1989 gab Goebbels gemeinsam mit Heiner Müller und seinem Traumrezitator Ernst Stötzner die „Wolokolamsker Chaussee“ in New York. Sie kehrten in eine grundsätzlich andere Welt nach Hause zurück: contradictio in adjecto.



© FAZ, Feuilleton, 17.8.2022

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