Free Jazz Collective Musiktipp: Olaf Rupp – Eiskeller / scatterArchive
Von Martin Schray. Der „Eiskeller“ ist eine ruhige Gegend im Berliner Stadtteil Hakenfelde (der zum Bezirk Spandau gehört) und gilt als der kälteste Ort der Stadt. Aufgrund seiner besonderen Tallage im Spandauer Wald sammeln sich dort kalte Luftmassen an, was im Winter zu extrem niedrigen Temperaturen führt. Der Name stammt von seiner früheren Nutzung als natürlicher Eiskeller. Zu Zeiten der Berliner Mauer waren die drei Gehöfte im Eiskeller, umgeben von DDR-Gebiet, nur durch einen vier Meter breiten und 800 Meter langen Korridor mit West-Berlin verbunden. Der Ort war fast isoliert.
Auch in Olaf Rupps neuem Album Berlin Eiskeller geht es um Isolation, wenn auch nicht geografisch, sondern musikalisch. „Beim Aufnehmen wollte ich ganz genau auf die Modulationen hören, die durch Sättigungseffekte im Verstärker selbst entstehen: Oktaven, Obertonklänge, Ringmodulator-Effekte und all das Schnurren, Knarren und Gurgeln, über das man in der vornehmen Welt der musikalischen Aristokratie immer ein wenig arrogant lächelt“, sagt der Gitarrist. Das Ergebnis ist Musik, die sich jeder Kategorisierung entzieht – es gibt keine Rockmuster, es fehlt ihr selbst der geringste Hauch von „Jazz“, und die gelegentlichen Melodien und Flageoletts machen sie für brutale Noise-Musik zu zugänglich. Selbst die Neue Klassik passt in keine Schublade. Deshalb ist seine Musik auch irgendwie isoliert.
Doch das ist noch nicht alles. Im Titeltrack, der das Album abschließt, erhalten all diese Elemente reichlich Zeit und Raum. Die Ringmodulator-Effekte und Flageoletts ergänzen sich und schweben federleicht durch den Raum. Rupp wechselt von fast sanft getupften offenen Akkorden und Obertönen zu bizarren kleinen Schnörkeln. Der Effekt ist, dass die Sprödigkeit der Musik zugunsten eines pointillistischen, psychedelischen Touchs abgemildert wurde – als würde Jimi Hendrix durch den Weltraum schweben und mit Elektronik experimentieren. Obwohl es sich um höchst abstrakte und anspruchsvolle Musik handelt (die aber keineswegs abschreckend wirkt), ist Rupps Spiel absolut fesselnd.
Berlin Eiskeller entwickelt eine seltsame, magische Anziehungskraft und schenkt uns 72 wundervolle Minuten, in denen wir uns am Klang berauschen können. © Alle Texte: Martin Schray
© Free Jazz Collective, 17.4.2026