„Geschichte maßgeschneidert“ Wie Russland Vergangenheit schreibt. Von Christine Hamel
Russland ist das Land, in dem selbst die Erinnerung riesig ist. Die „Mutter Heimat“-Statue in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, ist 85 Meter hoch und wiegt knapp 8000 Tonnen. Der 2. Weltkrieg, das sind in Russland bis heute Paraden, Heldenstädte und der Generalissimus.
Aber gerade Stalin hat auch Krieg gegen das eigene Volk geführt. Doch das Erinnern an das Straflagersystem – in den Gulags waren insgesamt ca. zehn Prozent der Bevölkerung interniert – verharrt bei den Opfern, von Tätern ist kaum je die Rede, von Prozessen, die die Ereignisse aufarbeiteten, ganz zu schweigen. Der Zusammenhang zwischen Terror, Kälte, Tod und Täter ist im patriotisch hochgerüsteten Russland eine prekäre Angelegenheit – natürlich auch, weil der berüchtigte Geheimdienst NKWD zwar seinen Namen gewechselt hat, aber weiterhin tätig ist und nie zur Verantwortung gezogen wurde.
Es überwiegt die große Erzählung der „Tragödie“, die wie eine Naturerscheinung über die Menschen gekommen ist. Heroismus statt Analyse. Ohne diese Art der Geschichtsklitterung durch Überhöhung ist der aktuelle Konflikt in der Ukraine nicht zu verstehen. Krieg wird mit Armeen geführt, aber auch mit Ideen.
© Bayern2, Nachtstudio, 8.3.2022