Giora Feidman: „Die heutige Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen ist eines der schönsten Beispiele für Völkerfreundschaft“
Er hat den Klezmer aus den kleinen Kaffees auf die grossen Bühnen der Welt gebracht. Für den jüdischen Klarinettisten Giora Feidman ist die Musik eine Mission, bei der er sich starkmacht für die Völkerverständigung. Giora Feidman im Interview mit Ueli Bernays.
Giora Feidman, Sie treten regelmässig in der Schweiz auf. Gefällt es Ihnen hier so gut?
Gott hat der Schweiz etwas ganz Besonderes gegeben. Die Schweizer selber merken das vielleicht gar nicht. Aber sobald man von Italien oder Deutschland die Grenze in die Schweiz passiert hat, nimmt man sofort ein anderes Licht wahr, andere Farben. Das Grün der Wälder ist speziell, auch das Blau der Seen. Was für ein schöner Ort!
Eine ganz besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat Deutschland. Können Sie das kurz erläutern?
Die heutige Beziehung zwischen den Juden und den Deutschen ist eines der schönsten Beispiele für Völkerfreundschaft überhaupt. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs heilte das Verhältnis, und unterdessen bilden Deutsche und Juden fast so etwas wie eine Familie. Als Musiker konnte auch ich etwas zur Versöhnung beitragen.
In Deutschland wurden Sie 1984 bekannt, als Sie in einer Theaterproduktion von Peter Zadek an der Berliner Volksbühne auftraten. In «Ghetto» ging es um das Leben und Sterben im KZ. War das nicht belastend für Sie?
Ich war zunächst geschockt über den Inhalt. Wie konnte man so etwas in Deutschland aufführen? Die Leute mussten zuschauen, wie ihre Väter oder Grossväter uns Juden in den Konzentrationslagern quälten und töteten? Das brauchte viel Mut seitens des deutschen Publikums! Ich habe bei 160 Aufführungen als Klarinettist mitgewirkt. Für mich war das Theaterstück ein grandioses Zeichen der Versöhnung. Es wurde auch zur Brücke, die mich mit Deutschland seither verbindet.
© NZZ, Feuilleton, 12.10.22