Radiotipps

Heute Abend 20.05 Uhr Deutschlandfunk
„The King Is Gone“ Von Andreas Ammer

Tröööt. Die Revolution bricht los, die Hochzeitskapelle spielt Blasmusik, der letzte König ist traurig und packt seine Zigarren. Irgendjemand singt die „Internationale“. Und Karl Marx bekommt plötzlich doch recht: „Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Phase ist ihre Komödie.“

Anschließend: „Die Zeiten entgleiten“ – Musik von The Notwist
vorgestellt von Karl Lippegaus

Die wichtigste Quelle des Hörspiels ist ein obskures braunes Heftchen eines gewissen Josef Benno Sailer, das 1919 – kurz nach der Räterevolution in München – erschien und von Carl-Ludwig Reichert in der Publikation Umsturz in München (1988) in Erinnerung gebracht worden ist. Sailer schildert dem Volk minutiös „Des Bayernkönigs Revolutionstage“. Bei einem Spaziergang im Englischen Garten wird der letzte bayerische König Ludwig III. von einem freundlichen Untertan darauf aufmerksam gemacht, dass Revolution sei: Der König möge sich lieber auf die Flucht vor der Räterepublik begeben. So nimmt die Komödie ihren Lauf: Das königliche Automobil im Marstall ist noch aufgebockt. Die Straßen Münchens sind mit Revolutionären verstopft. Die Reise endet wiederholt im Straßengraben. Die Prinzessinnen auf dem Rücksitz sind hungrig. Nacht und Nebel brechen ein. Nirgends ist ein Hemd mit der richtigen Kragenweite aufzutreiben. Andreas Ammers dokumentarisches Hörspiel „The King is Gone“ verbindet revolutionäre Praxis mit der Perspektive der Klatschpresse. Es schildert Weltgeschichte als Roadmovie. Und es klingt, als hätten die Brüder Micha und Markus Acher von The Notwist, um die Flucht des bayerischen Königs zu vertonen, eine All-Star-Blaskapelle um sich geschart … was dann – so wie alles in diesem Hörstück – komisch klingen kann, aber in Gestalt der Hochzeitskapelle Tatsache ist. Noch einmal Marx: „Warum dieser Gang der Geschichte? Damit die Menschheit heiter von ihrer Vergangenheit scheide.“

Regie: Andreas Ammer
Komposition: Micha Acher
Mit: Friedrich Ani, Eva Löbau, Judith Huber, Wowo Habdank

Produktion: BR 2015

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