Interview mit Alexander Kluge: „Disruption gehört zu den Tatsachen in der Welt“
Der Autor und Filmemacher Alexander Kluge sieht sich als Verteidiger einer unabhängigen Öffentlichkeit. Oliver Geyer im Gespräch mit Alexander Kluge über gesellschaftlich Spaltung und Balance.
STANDARD: Man hört heute oft die Kritik, Politik sei zu technokratisch geworden. Derweil kochen die Emotionen im Netz und den Medien über. Ihr neues Buch mit Stefan Aust ist ein Plädoyer dafür, Sachlichkeit mit erzählerischem Einfühlungsvermögen zu verbinden. Müssen wir uns mehr um diese Balance bemühen?
Kluge: Ich fürchte ja, wir schlagen uns oft zu sehr auf eine der beiden Seiten. Viele Medien neigen einerseits stark zu einer reinen Aktualisierung und Versachlichung, andererseits gleichen sie das künstlich aus durch persönlichen Bezug und Betroffenheit. Beides ist in dieser Vereinseitigung eine falsche Art des Erzählens. Wenn ich auf dem Seil tanze, muss ich die Balance halten. Wir Menschen sind gemischte Wesen und evolutionär sehr alt – zu einer Hälfte noch Tier, zur anderen modern. Werden unsere Gefühle missachtet, fangen wir an zu spinnen.
© DerStandard, Interview, 10.3.2024