Jazzfestival „unerhört!“ Live-Kultur: Die Musik spricht für sich selbst
Das Jazzfestival «unerhört!» platzt mit einer Extraausgabe in die Nachwehen des Lockdowns hinein. Die herausragenden Konzerte sind ein starkes Statement für die Live-Musik. Von Florian Bissig
Manche laufen unter den widrigen Bedingungen einer Pandemie zur Bestform auf. Die Macher des Zürcher Jazzfestivals «unerhört!», das sonst im Spätherbst über die Bühne geht, gehören dazu. Statt abzuwarten, bis die Pandemie im nächsten Herbst verschwunden sein möge, wurde nun während der hartnäckigen dritten Welle eine Spezialedition mit vier Konzerten auf die Beine gestellt. Man wolle ein Statement für die Live-Kultur setzen.
Wer sich nun auf einen spontanen Jam und freie Improvisation eingestellt hatte, dürfte zumindest am Freitagabend eine Überraschung erlebt haben. Das Konzept des Trios von Kaja Draksler, Petter Eldh und Christian Lillinger bot etwas ganz anderes. Die drei jungen Musiker spielen weitgehend auskomponierte Stücke, die sie bei aller Virtuosität und Dynamik kontrolliert ab Blatt vortragen.
Zum Abschluss des Spezialfestivals veranstaltete das James Brandon Lewis Quartet am Samstag ein Live-Spektakel, wie es im Buch steht. Das neuste Album des amerikanischen Quartetts wurde im Januar 2020 in New York aufgenommen, kurz bevor die Pandemie die internationale Konzerttätigkeit lahmlegte. Über ein Jahr später gelangte die Musik nun in Zürich zur Uraufführung. Lewis brauchte nicht zu beteuern, wie viel es für ihn und seine Kollegen bedeutete, vor Publikum zu spielen. Die strahlenden Gesichter, noch mehr aber die Verve der Soli, der Eifer des Zusammenspiels und die Intensität des Klangs legten hinreichend Zeugnis davon ab.
© NZZ, Feuilleton, 16.5.2021