Julian Lage: Wenn die Gitarre sprechen gelernt hat, beantwortet sie auch soziale Fragen von Ueli Bernays

Sobald Julian Lage zu seinem Instrument greift, wird klar, woher sein Kultstatus rührt. Und wieso es dem amerikanischen Gitarristen selbst so gut geht, wenn er spielt.

Die meisten Gitarristen versuchen auf ihrem Instrument zu singen. Julian Lage möchte lieber sprechen. Zwar lässt sich auch der 33-jährige Amerikaner begeistern von den grossen Stimmen einer Aretha Franklin, eines Frank Sinatra. Durch einen Gesangslehrer aber ist ihm einst klargeworden, wie sehr Techniken und Regeln das Singen normieren. Reden sei im Vergleich viel spontaner und individueller: Aus Rede-Rhythmus und -Tonfall ergebe sich so etwas wie ein akustischer Fingerabdruck.

Aber auf Schönheit beschränken sich Julian Lages musikalische Ideale nicht. Kunst sei immer auch eine Art Alarmglocke. Sie solle uns aus dem Zombie-Schlaf wecken, aus dem Egotrip reissen und unser Bewusstsein schärfen. Solche Effekte auf das Publikum erhoffe er sich auch von seiner Musik, sagt Lage, aber garantiert sei das nicht. Mit Sicherheit könne er hingegen sagen: «Ich selber werde netter, sensibler, glücklicher, wenn ich spielen kann. Und das ist doch auch schon etwas!»


© NZZ, Feuilleton, Kultur, 23.6.2021

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