Kulturschmuggel in der Sowjetunion „Tutti Frutti“ als geheime Ware

Aus Röntgenaufnahmen machten sowjetische Raubkopierer in den Nachkriegsjahren Schallplatten. Sie sind jetzt zu sehen in der Berliner Villa Heike. Von Katharina Granzin.

Es sind fragile Objekte von geradezu gespenstisch anmutender, surrealer Schönheit: Auf einem der kreisrunden Artefakte erkennt man einen Rippenbogen, auf einer anderen etwas, das die Laiin eventuell für einen Oberschenkelknochen halten würde. Auf einer dritten sieht es so aus, als sei jemandem in den Kopf geschossen worden.

Doch das Loch in der Mitte der Scheibe, die das Röntgenbild eines menschlichen Schädels zeigt, wurde nachträglich in das weiche Material gestanzt. Eine Schallplatte braucht schließlich ein Loch.

Im Zeitalter von Spotify und Co., da Musik längst zu einem allzeit verfügbaren Konsumgut geworden ist, können wir uns kaum noch vorstellen, wie anders alles noch vor wenigen Jahrzehnten war. Zumal auf der östlich des Eisernen Vorhangs gelegenen Hälfte der Kalten-Kriegs-Welt. Der Mangel an allem und jedem, der nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in der Sowjetunion herrschte, wurde im Falle kultureller Produkte durch die Zensur noch maximal verschärft.



Verbotene Musik hören

Während der Stalinzeit fielen sowohl als „westlich“ geltende Musikstile unter den staatlichen Bann als auch zahlreiche sowjetische KünstlerInnen, die politisch in Ungnade gefallen waren. Das Bedürfnis der Menschen, auch die verbotene Musik zu hören, war jedoch nicht totzukriegen; zu allen Zeiten florierte der Kultur-Schwarzmarkt.




DIE AUSSTELLUNG :„Bone Music“, Ausstellung in der Villa Heike bis 5. 9.: Do.–So. 12–20 Uhr, Berlin

© TAZ, Kultur, 17.8.2021

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